Stille Nacht

 

Pegnitz 12/7“, krächzte der Lautsprecher im Armaturenbrett des Streifenwagens. Mein Kollege Paul auf dem Beifahrersitz machte keine Anstalten, den Funkhörer in die Hand zu nehmen.

Das sind wir“, sagte ich, während ich am Zebrastreifen anhielt, damit eine ältere Dame die mit Schneematsch bedeckte Straße überqueren konnte.

Ich weiß“, antwortete Paul brummig und angelte sich den Handapparat mit dem Spiralkabel. Es war zwanzig nach sieben. Wahrscheinlich fürchtete er wie ich, heute Abend zu spät nachhause zu kommen, wenn jetzt noch ein größerer Einsatz reinkäme. Nicht, dass Überstunden für uns etwas Ungewöhnliches waren, aber heute bitte nicht! Es war Heiligabend, um zwanzig Uhr war Dienstschluss. Seine Familie wartete. Und meine Freundin auch. Aber wir mussten uns melden.

 

Paul drückte endlich die Sprechtaste und antwortete widerwillig: „Ja, 12/7 hört!“

Fahren Sie in die Ambrosiusstraße 84. Im vierten Stock links wohnt ein Heiko Müller, 28 Jahre alt. Er ist seit gestern nicht mehr erreichbar. Seine Freundin...“, das Funkgerät rauschte und knackte einige Sekunden, ehe es wieder Empfang hatte, „... passiert ist.“

Meine Kollege verdreht die hellblauen Augen.

Das Letzte kam nur teilweise an. Ich gehe davon aus, seine Freundin glaubt, dass ihm etwas passiert sein könnte, richtig?“

Richtig. Besser gesagt seine Ex. Eine Frau Böhm. Sie hat aus München angerufen, war ziemlich aufgeregt. Schauen Sie mal nach dem Rechten.“

Verstanden, 12/7 fährt.“ Paul ließ den Hörer wieder in die Halterung einrasten und schaute mich an. „Drück drauf, das schaffen wir noch vor Feierabend!“ Ich nickte, gab aber gleichzeitig die Hoffnung auf ein pünktliches Dienstende auf.

 

Das Heck des BMW brach einige Male kurz aus, als ich ihn so zügig wie möglich über den glitschigen Asphalt in Richtung äußere Südstadt lenkte. Blaulicht und Martinshorn ließ ich ungenutzt, da kaum noch andere Autos unterwegs waren am Vorabend der stillen Nacht.

Es begann wieder zu schneien, als wir gut zehn Minuten später vor dem Haus im Jugendstil anhielten, der den ganzen Straßenzug prägte. Die meisten Fenster waren beleuchtet, hinter einem glitzerte ein überdimensionaler Weihnachtsstern. Zwei Balkone waren mit hell strahlenden Christbäumen geschmückt.

 

Ich kniff die Augen zusammen und legte meinen Kopf in den Nacken legte, um an der Fassade des Gebäudes entlang nach oben zu schauen. Schneeflocken taumelten in mein Gesicht. Die Wohnung im vierten Stock links war dunkel. Um zur Haustür zu gelangen, mussten wir das Gebäude umrunden und in den Hinterhof gehen. An einem Glockenschild an der Haustüre stand in weiblicher Handschrift „Müller/Böhm“. Ich läutete. Nichts tat sich. Als ich das zweite Mal den Knopf drückte, ging das Licht im Treppenhaus an. Gedämpft hörte ich das Lachen einer Frau, dann Schritte auf Holzstufen, die sich schnell dem Ausgang näherten. Zu schnell, um aus dem vierten Stock zu kommen.

Ein Mann mittleren Alters öffnete die Tür und ließ seiner Begleiterin den Vortritt. Sie konnte kaum über den Stapel kunstvoll verpackter Weihnachtsgeschenke schauen, die sie mit beiden Händen trug, weshalb sie uns beinahe in die Arme lief. „Ups!“, machte sie überrascht und kicherte. „Was machen Sie denn hier? Wollen Sie mitfeiern?“

Ich zwang mich zu einem Lächeln, „Nein, danke“, und wandte mich dem Mann zu. „Herr Müller?“ Ich hoffte, er würde meine Frage bejahen, damit wäre der Fall schnell gelöst gewesen. Doch er schüttelte den Kopf. „Nein, die wohnen ganz oben. Wir im ersten Stock.“

Er sprach in der Mehrzahl. Offenbar war bei den Nachbarn noch nicht angekommen, dass Heiko Müller inzwischen alleine in seiner Wohnung lebte.

 

Wir bedankten uns kurz und liefen wortlos die Stufen hinauf. Ausgetretene Eichendielen knarrten bei jedem unserer Schritte.

Die gelblichen, in jedem Stockwerk hängenden Kugellampen erloschen genau in dem Moment, als wir etwas außer Atem die vierte Etage erreichten. Völlige Dunkelheit umfing uns. Ich dachte an meine im Auto liegende Taschenlampe und tastete die Wand nach dem Lichtschalter ab. Paul fand ihn zuerst.

 

Die Wohnungstür links neben uns stand eine Handbreit offen. An ihr war ein rot emailliertes Herz montiert. „Hier wohnen, streiten und lieben sich Lea und Heiko“, las Paul die blaue Aufschrift vor und stellte mit sarkastischem Unterton fest: „ Hier sind wir richtig.“ Ich drückte die Tür weiter auf und rief in die dunkle Wohnung: „Hallo? Herr Müller? Hier ist die Polizei!“ Aus dem Inneren hörte ich nur das leise Brummen eines Kühlschranks.

Herr Müller, wir kommen mal rein, ja?“ Wir betraten vorsichtig den Flur, diesmal entdeckte ich den Knopf für das Licht zuerst. Es roch leicht nach kaltem Rauch. Während ich dem Geräusch des Kühlschranks folgte, öffnete Paul hinter mir links und rechts die Türen, um in die dahinter liegenden Räume zu sehen.

Wohnzimmer, Schlafzimmer und Bad, alles in Ordnung, niemand da“, berichtete er dann und schaute mir über die Schulter. Ich war im Eingang zur Küche stehen geblieben. Auf dem weißen Ikea-Tisch stand eine leere Flasche Jack Daniels, daneben ein Whiskyglas und ein überfüllter Aschenbecher. Einer der beiden Stühle war umgekippt und lag auf dem Boden.

Sieht mir schwer nach Stressbewältigung aus“, kommentierte Paul in seiner trockenen Art. „Wahrscheinlich ist ihm der Stoff ausgegangen und er kommt gleich von der Tanke wieder. Oder er sitzt in einer Kneipe und gibt sich den Rest.“

Er ging um den liegenden Stuhl herum und nahm einen handgeschriebenen Brief in die Hand, der neben zerknülltem Weihnachtspapier ebenfalls auf der Tischplatte lag. Paul überflog ihn kurz, dann reichte er ihn mir. „Wunder wär's keins,“ kommentierte er, was er gelesen hatte.

 

Es war ein Abschiedsbrief. Aber nicht von Heiko Müller verfasst, sondern an ihn gerichtet, unterschrieben von seiner Freundin.

 

Lieber Heiko,

 

ich konnte es Dir am Telefon nicht sagen, aber ich komme nicht zu Dir an Heilig Abend. Es tut mir so leid, aber ich liebe Dich nicht mehr. Würde ich wieder zu Dir kommen, müsste ich Dir Gefühle vorspielen, die ich nicht mehr habe. Das will und kann ich nicht mehr.

 

Bitte sei nicht traurig. Wir hatten eine wunderbare Zeit miteinander, ich möchte keine Minute davon missen. Aber meine Liebe zu Dir ist verbraucht. Ich habe zu viel davon in die letzten Jahre investiert, nun ist sie weg.

 

So wird mein Weihnachtsgeschenk, der Pullover, den ich für Dich die letzten Monate gestrickt habe, gleichzeitig auch mein Abschiedsgeschenk. Es sind doch Deine Lieblingsfarben, schwarz und rot, oder? Ich hoffe, er gefällt Dir!

 

Meine Sachen kannst Du mir ja bei Gelegenheit nach München schicken.

 

Mach's gut,

 

Deine Lea“

 

Scheiße“, entfuhr es mir, „so möchte ich aber nicht abgefertigt werden! Armer Kerl.“

Paul nickte. „Ich auch nicht. Hoffentlich tut er sich nichts an! Aber hier können wir weiter nichts machen. Ohne Personenbeschreibung reicht es nicht mal für einen vernünftigen Fahndungsrundspruch. Und konkrete Anzeichen, dass er außer betrunken auch suizidgefährdet sein könnte, haben wir ja nicht.“

 

Ja, du hast Recht“, seufzte ich. „Aber... hast Du sowas schon mal gehört? Ihre Liebe ist verbraucht! Weil sie in den Jahren zu viel davon investiert hat. Merkwürdige Formulierung...“

Paul atmete hörbar aus und schüttelte den Kopf. „Als hätte sie nur ein bestimmtes Liebeskontingent gehabt. Ein Budget, dass je nach Investition früher oder später zu Ende ist. Und dann das Timing... zum Fest der Liebe...“. Er zuckte mit den Schultern.

 

Ich schaute auf die Küchenuhr. „Okay, lass' uns noch schnell die obligatorische Dachboden- und Kellernachschau machen, dann ab zur Dienststelle und Feierabend!“

 

Wieder im Treppenhaus angekommen, hörten wir die Glocke der nahen Christus-Kirche acht mal schlagen. Ich zog die Wohnungstüre leise zu und schaute die Treppe hinauf, die weiter zum Speicher führte. Ein flaues Gefühl im Magen beschlich mich, als wir nach oben gingen. Es verstärkte sich noch, als ich den Schlüssel sah: Er steckte im Schloss der Dachbodentür. Ich stieß sie auf.

 

Im fahlen Licht der Straßenbeleuchtung, das durch milchige Glasscheiben in den großen Raum fiel, entdeckte ich ihn. Wie eine Puppe hing er an einem Dachbalken, gehalten von einem dicken, gelben Nylonseil um seinen Hals. Er trug einen schwarz-roten Pullover.

 

Paul reagierte schneller als ich. Er stürzte an mir vorbei, war mit wenigen Schritten bei ihm. Er umfasste seine Beine und hob ihn an. Ich war ihm gefolgt, konnte jedoch bereits sehen, dass Heiko Müller schon einige Stunden tot war. Dennoch suchte ich seinen Puls am Handgelenk, das sich kalt und teigig anfühlte. Vergebens.

 

Von irgend woher, weiter unten im Haus, hörte ich plötzlich Musik. Zunächst nur eine Orgel, dann stimmte ein Chor mit ein: „Stille Nacht, heilige Nacht...“.

 

Und ich wusste, dass mich dieses Lied von nun an nicht nur an Weihnachten, sondern auch an Heiko Müller erinnern wird. So ist es bis heute.