Schreiben mit Tieren

 

 

 

Es ist Anfang Januar, nachmittags halb vier. Die abgebildete leere Seite auf dem Computermonitor vor mir ist jetzt schon heller als das Wintergemälde, das ich dahinter durch das Fenster zu meinem Garten sehen kann. Wäre es jetzt Sommer, würde mich die Sonne blenden und am Schreiben hindern. Die dunkle Jahreszeit ist die Saison der Schriftsteller.

 

Eigentlich bin ich Polizist. Schriftsteller darf ich mich nennen, seit ich mein erstes Buch veröffentlicht habe. Auch wenn es mein bisher einziges ist. Doch dabei soll es nicht bleiben. Ich bin fest entschlossen, heute mit einem neuen Werk zu beginnen. Die Grundidee steht, das Ende auch. Der Anfang fehlt natürlich noch, und das Dazwischen wird sich ergeben. Mindestens zwei Stunden werde ich hier sitzen, formulieren, grübeln, löschen und neu schreiben. So mein fester Vorsatz.

 

Carina, meine Schäferhündin, um die es unter anderem in meinem ersten Buch ging, liegt zusammen gerollt in ihrem Körbchen vor dem Sofa im Wohnzimmer. Sie war meine Streifenpartnerin, mein Diensthund. Seit Oktober ist sie Pensionärin und verhält sich im Moment sogar wie eine solche. Brav. Sam, ihr Nachfolger, schläft auf dem Sofa. Egal, Hauptsache er gibt ebenso Ruhe. Dafür habe ich die beiden gerade noch mit mit Bällen über die verschneite Wiese gescheucht. Zufrieden sollten sie sein. Und müde.

Frau Katze versinkt vermutlich gerade in meinem Kopfkissen oben im Schlafzimmer. Sie traut sich sowieso nicht herunter, hat Angst vor Sam. Deshalb darf Sam auch nicht hinauf. Er weiß das.

 

Ich schweife ab. Ich wollte doch schreiben! Der erste Satz eines Buches ist bekanntlich der wichtigste. Und der schwerste.

 

„Es ist still. Der Raum ist dunkel, nur spärlich dringt Licht durch die mit Decken verhangenen Fenster. Die nackten Füße der jungen Frau suchen Halt auf dem Klavierhocker, tänzeln ...“

 

Ich höre ein Knistern im Wohnzimmer und identifiziere es als das des Hundekorbes. Carina scheint aufzustehen. Nein, sie dreht sich nur zweimal im Kreis, dreimal, positioniert sich neu und lässt sich wieder auf ihr Polster fallen. Ich kenne diese Geräusche.

 

Wo war ich stehen geblieben? Die nackten Füße auf dem Klavierhocker. Richtig. Sie tänzeln...

 

Ich fühle mich beobachtet. Im linken Augenwinkel nehme ich eine Bewegung war, halb hinter mir. Carina sitzt plötzlich da. Sie starrt mich an. Genauso wie einer dieser Porzellanschäferhunde meiner Sammlung auf dem Fensterbrett im Klo. Sie sitzt da und starrt mich an.

 

„Was ist?“, frage ich sie. Sie antwortet nicht. Natürlich antwortet sie nicht. Aber ich sehe ihre rosa Zunge kurz über die Nase lecken. Richtig, ich habe vergessen, ihr nach dem Heimkommen das obligatorische Leckerli zu geben. Anstarren und über die Nase lecken bedeutet: „Ich hab Hunger!“ Oder eben „Leckerli?“ Die Hundesprache ist einfach. Vielleicht sollte ich mal ein Buch in Hundesprache schreiben. Dann wäre ich schon weiter.

 

Unbedacht lasse ich meinen Bürostuhl ein Stück zurück rollen. Ich hätte es wissen müssen. Bürostuhl zurück rollen lassen heißt für Carina, dass ich aufstehe. Auch wenn ich es nicht vorhabe. Sie wirft sich herum und rennt Richtung Küche. Die Leckerlis liegen nämlich auf dem Kühlschrank. Gleichzeitig höre ich Sam vom Sofa springen. Er versucht, Carina einzuholen. Er will immer vor Carina irgendwo sein, egal, wo sie hin will. Ein im Weg stehender Stuhl ist für ihn kein Hindernis, er räumt ihn zur Seite. Das Sitzmöbel kippt gegen den Christbaum, wirft diesen auf den Kaktus, der dadurch drei Arme verliert.

 

Es gelingt mir, meinen aufsteigenden Wutausbruch hinunter zu schlucken und gebe den Hunden je ein getrocknetes Schweineohr. Nein, nicht zur Belohnung, aber so kann ich wenigstens ungestört aufräumen. Die Hunde kauen noch, als ich an meinen Schreibtisch zurückkehre.

 

Ich lese, was ich bisher geschrieben habe.

„Es ist still. Der Raum ist dunkel, nur spärlich dringt Licht durch die mit Decken verhangenen Fenster. Die nackten Füße der jungen Frau suchen Halt auf dem Klavierhocker, tänzeln ...“

Warum tänzeln sie? Nein, sie tänzeln nicht. Ich lösche „tänzeln“. Ich grüble. Doch, sie tänzeln. Und zwar „... auf den Ballen.“ Ich ergänze „... tänzeln auf den...“

 

Sams schwarze Schnauze schiebt sich unter meinen linken Ellenbogen und wirft ihn hoch wie ein Seehund seinen Plastikring. Ich versuche, ihn zu ignorieren und ersetze das entstandene Wort „Baffagdmgfkj“ durch „Ballen“. Nun sitzt Sam da und starrt mich an. Sein Blick bohrt ein Loch in mein Hirn.

„Was?“ frage ich grollend. Sam wedelt. „Was denn!?“ Carina kommt ins Büro getrabt und gibt mir Antwort. Ihr Blick wandert sehnsüchtig durch das Fenster hinaus in den inzwischen dunklen Garten.

„Wollt ihr raus?“

Sam überholt Carina auf dem Weg zur Terrassentür, unterschätzt seinen Bremsweg auf den Fließen und knallt gegen die Glasscheibe. Sie hält stand. Zum Glück auch Sams harter Schädel. Ich öffne die Tür, die beiden stürmen hinaus und verschwinden in der Dunkelheit. Manchmal haben auch Hunde gute Ideen, stelle ich fest. Bevor ich nicht mindestens zwei Seiten geschrieben habe, würde ich sie nicht mehr ins Haus lassen!

 

Also: Die Füße tänzeln auf den Ballen...

 

Ein brennender Schmerz durchfährt meinen linkes Bein. Frau Katze zieht sich, verkrallt in meinen Oberschenkel, auf meinen Schoß. Sie hat wohl mitbekommen, dass die Hunde im Garten sind, und sich ins Erdgeschoss getraut. Dumm ist sie nicht. Mit ihrem Schnurren imitiert sie die Landung eines Rettungshubschraubers in der Nachbarschaft. Spektakulär! Und irgendwie goldig. Ich schmuggle meine Hände links und rechts an ihr vorbei zur Tastatur. Zwei oder drei Buchstaben kann ich noch tippen, dann übernimmt Frau Katze das Schreiben. Zweipfötig. Vielleicht kann sie es ja besser als ich.

 

Morgen ist auch noch ein Tag.

 

 

 

Copyright: Elmar Heer

 

 

 

 

Liebe berührt - doch sie ist unberührbar.

Du kannst sie nicht festhalten, wenn sie geht.

(E. H.)