Perspektiven

 

 

Der Rentner:

 

Wenn mir das der Herbert oder der Karl im Verein erzählt hätte, ich würde es nicht glauben. Aber ich war dabei, habe es aus nächster Nähe gesehen. Das darf doch wohl nicht wahr sein!

 

Meine Frau war übers Wochenende im Elsass gewesen, um unsere Tochter und die Enkel zu besuchen. Ich konnte leider nicht mit, wir hatten Jahreshauptversammlung vom Schrebergartenverein und ich bin da, seit ich in den Ruhestand getreten bin, Rechnungsführer. Also praktisch unverzichtbar, weil ich ja früher als Buchhalter in meiner Firma nichts anderes gemacht habe. Jedenfalls bin ich gestern zum Hauptbahnhof gefahren, um meine Frau abzuholen. Ankunft 19.20 Uhr, Gleis 11. Sie müssen wissen, meine Frau hatte noch nie einen Führerschein, und ich fahre nicht mehr so gern so weite Strecken, gerade wenn es früh dunkel wird wie um diese Jahreszeit. Außerdem fand ja eben ausgerechnet an diesem Samstag die Versammlung statt.

 

Ich hatte gerade meinen Ascona gegenüber des Südausgangs geparkt und wollte mir, wie es sich gehört, einen Parkschein vom Automaten holen, als ich diese Beobachtung machen musste, die mir bis heute in den Knochen sitzt und mein Urvertrauen in den Staat erschüttert hat. Hierzu möchte ich erwähnen, dass ich noch nie negative Erfahrungen mit der Polizei gemacht habe, nicht einmal ein Strafmandat wegen Falschparkens habe ich je kassiert. Insgesamt hatte ich nur zweimal in meinem Leben mit der Polizei zu tun, einmal, als ein Lkw mir den Spiegel von meinem schönen Opel weg gefahren hatte, und einmal, als der missratene Sohn unseres Nachbarn seinen Fußball durch das Panorama-Fenster unseres Wintergartens geschossen hatte. Jedes Mal war die von mir sofort alarmierte Polizei gleich zur Stelle und hat alles geregelt.

 

Aber, wie gesagt, was ich heute mit anschauen musste, hat mich so was von empört, das war unserer Polizei einfach nicht würdig! Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll! Ich stand also gerade an dem Automaten und wollte 50 Cent für 30 Minuten einwerfen, dass sollte reichen, als ich jemanden rufen hörte: „Polizei, bleiben Sie stehen!“ Ich schaute auf die andere Straßenseite Richtung Bahnhof und sah einen Polizisten, der einem Mann in rot-weißem Trainingsanzug hinterher ging. Der Junge hatte das wohl nicht mitgekriegt oder fühlte sich nicht angesprochen, jedenfalls ging er ohne Eile weiter. Plötzlich packte der Beamte ihn an der Schulter, drehte ihn zu sich herum, brüllte irgendetwas, was ich nicht verstand, weil gerade ein Auto vorbeifuhr, und schlug ihn dann unvermittelt mit einem Faustschlag nieder! Vollkommen ohne Grund! Der junge Mann hatte sich absolut passiv verhalten, streckte sogar seine Hände nach hinten weg, um dem aggressiven Polizisten keinen Grund für eine Überreaktion zu geben. Unfassbar, so was!

 

Jetzt kam auch noch ein zweiter Beamter dazu, sie rollten den Jungen, der ja immer noch am Boden lag, ziemlich grob auf den Bauch und legten ihm Handschellen an. Dabei war der arme Kerl immer noch vollkommen passiv, wehrte sich in keiner Weise, ich hatte fast den Eindruck, er war noch total benommen von dem Schlag, den er ins Gesicht bekommen hatte. Vielleicht war er sogar bewusstlos. Eine Schande für unsere Polizei, offensichtlich harmlose Bürger so zu behandeln!

 

Ich blieb wie angewurzelt stehen dort an dem Parkscheinautomaten, überlegte noch, ob der junge Mann vielleicht doch etwas ausgefressen haben könnte. Aber selbst wenn, ist das noch lange kein Grund, ihn so brutal niederzuschlagen! So friedlich, wie sich der Bursche verhalten hat, hätten sie ihn doch einfach verhaften und mitnehmen können. Aber nein, der Polizist musste ja gleich zuschlagen. Unmöglich so was!

 

Ein anderer junger Mann, der allerdings ziemlich ungepflegt wirkte mit seinen langen Haaren und der dreckigen Kleidung, sah das wohl genauso wie ich. Er brüllte auf die Beamten ein, ich hörte „Polizeigewalt“ heraus und dass sie ihn sofort loslassen sollten. Schnell versammelten sich immer mehr Leute um die Gruppe, sie forderten die Freilassung des Niedergeschlagenen, und zwar sofort! Meiner Meinung nach mit Recht. Ja, ich freute mich sogar darüber, dass die Polizei in unserem Staat nicht unwidersprochen Willkür walten lassen darf. Ich selber hielt mich aber lieber im Hintergrund, es waren schließlich schon genug da, die meine Ansicht mit vertraten. Wäre ich ein paar Jahre jünger, hätte ich vielleicht auch ganz vorn dabei gestanden.

 

Sicher keine angenehme Situation für die beiden Polizisten, aber daran waren sie nun wirklich selber schuld. Anscheinend hatten sie aber schon Verstärkung gerufen, denn plötzlich rasten aus allen Ecken Streifenwagen herbei, parkten kreuz und quer vor dem Südausgang und verursachten so zu allem Überfluss auch noch erhebliche Verkehrsbehinderungen. Das hätte wirklich nicht auch noch sein müssen, selbst in Eile kann mein sein Auto doch einigermaßen ordnungsgemäß abstellen. Und keiner von den Damen und Herren fühlte sich verantwortlich, wenigstens den Verkehr so lange zu regeln, bis Ruhe eingekehrt war.

 

Der langhaarige Bursche, der sich als erster getraut hatte, seinen Ärger über diese Polizeiaktion zu äußern, stand plötzlich neben mir und beobachte wie ich die Szene. Er wollte wohl doch keinen Ärger mit der Staatsgewalt. Ich lächelte ihm zustimmend und aufmunternd zu, er erwiderte meinen Blick mit Verwunderung, sagte aber nichts. Er war wohl erstaunt, dass auch ältere Bürger wie ich nicht mit dem einverstanden sind, was sich die Polizei da geleistet hat.

 

Kurz darauf wurde der Verletzte mit einem Krankenwagen abtransportiert. Die Protestgruppe löste sich auf und auch die Polizei zog sich zurück. Nur ein Streifenwagen fuhr noch langsam an den geparkten Fahrzeugen entlang, was mich beruhigte. Wäre ja nicht das erste Mal, dass nach solchen Polizeieinsätzen die Autos unbeteiligter Bürger beschädigt werden.

 

Gerade noch rechtzeitig konnte ich meine Frau am Zug in Empfang nehmen. Auf dem Weg zum Parkplatz erzählte ich ihr, noch völlig aufgeregt, von den Geschehnissen. Auch sie hatte keinerlei Verständnis dafür und schüttelte fortwährend den Kopf zu meinen Ausführungen.

 

Und was musste ich zu allem Überfluss feststellen, als wir wieder bei meinem Wagen ankamen? Hatte sich einer der Beamten doch tatsächlich erdreistet, mir einen Strafzettel hinter den Scheibenwischer zu klemmen, weil ich in all der Aufregung vergessen hatte, den Parkschein zu lösen! Das haut doch dem Fass den Boden raus. Haben die wirklich nichts Besseres zu tun? Erst prügeln, dann Autofahrer abkassieren! Die sollen doch lieber Räuber fangen, als harmlose Bürger zu drangsalieren. Also nein, heute hat sich mein bisher positives Verhältnis zur Polizei radikal verändert.

 

 

 

 

Der Freak:

 

Ihr wisst ja, ich habe zur Polizei ein eher zwiegespaltenes Verhältnis. Einerseits sehe ich schon ein, dass man sie braucht, ganz ohne geht nicht, da würde nur noch das Recht des Stärkeren gelten, Faustrecht und so. Die Natur hat es leider aber nicht so gut mit mir gemeint, dass ich mich gegen jeden durchsetzen könnte. Aber unterschätzt mich nicht, ich kann schon kräftig austeilen, wenn es sein muss. Naja, das hat mir aber auch schon Ärger eingebracht, der Richter hat mir bei der letzten Verhandlung „eine letzte Chance“ gegeben, sechs Monate auf Bewährung, das nächste Mal fahre ich ein, hat er gesagt.

 

Muss ja nicht sein, ich versuche jetzt, Stress aus dem Weg zu gehen. Ist mir bisher auch gelungen, war ja eigentlich immer ein friedlicher Typ, solange man mich nicht provozierte. Aber gestern wäre es beinah wieder passiert. Ich kam gerade von der ARGE wegen Stütze und so, wollte noch kurz bei den Kumpels am Hauptbahnhof vorbeischauen, als plötzlich ein Bullenauto neben mir anhielt, so richtig krass mit Reifenquietschen und so. Ich bin vor Schreck zur Seite gesprungen und wollte schon voll die Flitze machen, als ich merkte, dass die gar nicht mich meinten. Der Beifahrer, der aus dem Auto gesprungen war, ist nämlich an mir vorbei gesprintet, ohne mich zu beachten.

 

War echt der Hammer, was dann passierte. Der Bulle quatschte Paul, einen Typen, den ich vom Sehen her kenne, von hinten an, als der gerade aus dem Südausgang des Bahnhofs schlenderte. Doch der latschte einfach weiter. So ging das ein paar Mal, von wegen „Stehenbleiben, Polizei“ und so, verstehste? Erst musste ich grinsen darüber, wie Paul in seinem rot-weißen Jogginganzug einfach weiterging, der Grüne immer hinterher mit einem Meter Abstand. Doch dann verging mir das Lachen.

 

Der Bulle packte den Kerl, der echt nichts gemacht hatte, einfach nur da lang spazierte, an der Schulter. Jetzt ging die Schreierei erst los: „Hände aus den Taschen! Tun Sie die Hände aus den Taschen!!“ Der Freund und Helfer ist echt voll ausgetickt! Er machte einen Schritt nach hinten, als wollte er Anlauf nehmen, aber Paul tat genau das, was der Polizist ihm gesagt hatte, nahm nun also die Hände aus den Taschen. Und was machte der sogenannte Ordnungshüter? Aus heiterem Himmel sprang der nach vorne und betonierte Paul voll heftig eine in die Fresse, dass der wie vom Blitz getroffen umfiel und liegen blieb. Völlig ohne Grund, einfach so, schlägt der Bulle einen harmlosen Menschen nieder!! Ich dachte, ich bin im falschen Film! Jetzt kam auch noch sein Kollege dazu, sie drehten Paul auf den Bauch, knieten sich auf ihn und fesselten seine Hände auf den Rücken. Dabei wehrte sich Paul nicht mal, der war ja total weggetreten von dem Schlag.

 

Das konnte ich mir nicht mehr länger mit anschauen. Ich lief hin und brüllte auf die beiden uniformierten Schläger ein: „Lasst ihn doch in Ruhe! Der hat überhaupt nichts gemacht! Ich hab’s genau gesehen, das ist Polizeigewalt! Komm’ Paul, das musst Du Dir nicht gefallen lassen, ich bin Dein Zeuge. Ich zeige Euch an! Ich sag’s der Presse! Loslassen sage ich!!“ Klar, dass ich nicht lange alleine blieb, ruckzuck hatte sich eine Menschentraube um uns gebildet, hauptsächlich die Freaks aus der Bahnhofszene, aber auch ein paar Bürgerliche waren dabei, und alle schrien herum, von wegen Polizeistaat und so. Einer der Punks trat mit seinen eisenbeschlagenen Springerstiefeln sogar in Richtung des einen Bullen und verfehlte nur knapp seinen Kopf. Schade, das hätte gesessen! Die beiden haben das, glaub ich, nicht mal mitgekriegt, so beschäftigt waren die mit Paul und uns.

 

Doch plötzlich war alles voller Polizeiautos, jede Menge Cops kamen zur Verstärkung, da zog ich mich dann doch lieber zurück. Wollte ja in nichts hinein geraten, mir fiel auch meine Bewährung wieder ein, und eigentlich ging mich das alles auch nichts an. Ich verpisste mich also auf die andere Straßenseite, stellte mich neben einen alten Spießer, der mich irgendwie komisch angrinste, und beobachte die Rangelei und Schubserei zwischen den Parteien, bis kurz darauf ein Rettungswagen eintraf. Die Sanis schnallten Paul, der anscheinend immer noch ziemlich weggetreten war, auf eine Trage und transportierten ihn ab. Es dauerte nicht lange, dann waren erst die Punks, danach die Streifenwagen verschwunden, alles war wieder wie vorher.

 

Aber nicht für mich. Wie gesagt, ich hatte schon öfter Stress mit der Polizei gehabt, aber letztlich hatten die mich immer einigermaßen cool behandelt, ich war ja schließlich nicht ganz schuldlos gewesen an meinen Dilemmas. Von krass überreagierenden oder grundlos zuschlagenden Bullen hatte ich zwar immer wieder mal gehört, fast jeder meiner Kumpels kannte eine Geschichte darüber, aber erst jetzt hatte ich den Beweis mit eigenen Augen gesehen. Es gibt sie also wirklich, die Prügelpolizisten.

 

Paul hatte sich echt nichts zu schulden kommen lassen, er kommt bestimmt bald wieder raus. Muss ja. Wenn ich ihn wiedersehe die nächsten Tage, sag ich ihm, dass er sich auf mich verlassen kann und so, dass ich als Zeuge für ihn aussagen werde. So eine Schweinerei darf man nicht auf sich beruhen lassen!

 

 

 

 

Der Polizist:

 

Meine Frau beneidet mich manchmal, wenn ich ihre Frage „Wie war’s im Dienst“ mit „ Es war ruhig, nichts besonderes passiert“ beantworte. Auch heute werde ich, so wie es aussieht, nichts zu berichten haben, fasste ich zufrieden zusammen. Dieser leicht verregnete Spätdienst Anfang November neigte sich ohne erzählenswerte Ereignisse seinem Ende entgegen. Ein Klein-Unfall mit Blechschaden, ein Familienstreit, dann noch der Ladendiebstahl – mehr war nicht. Solch Alltägliches erwähnte ich schon lange nicht mehr daheim, ist ja auch nicht wirklich interessant.

 

Tom lenkte den Streifenwagen noch ein letztes Mal durch das Innenstadt-Gewühl Richtung Bahnhof und ich wusste, von dort aus wird er bestimmt über die Franken- und Münchener Straße Richtung Dienststelle fahren, ich kenne seine Gewohnheiten. Im Laufe der Jahre manifestiert sich bei jedem von uns eine bestimmte Route, die er besonders gern und häufig nimmt, mir geht es da nicht anders. Besonders dann, wenn nichts los ist und ich mich innerlich schon auf den Feierabend vorbereite.

 

In dem Moment, als wir in die Straße Hinterm Bahnhof einbogen, kam der Rundspruch an alle Streifenwagen: „Soeben Raubüberfall auf Passanten in der Mittelhalle Hauptbahnhof. Täter wurde durch Zeugen gestellt, hat diese jedoch massiv mit Messer bedroht. Flüchtet jetzt Richtung Südausgang. Beschreibung: ca. 20 Jahre alt, kurze blonde Haare, groß und kräftig, trägt rot-weißen Jogging-Anzug, weiße Turnschuhe. Raubgut eine braune Ledergeldbörse mit circa 10 Euro Bargeld “ Während Tom das Gaspedal durchtrat, richteten wir beide gespannt unsere Blicke auf den Südausgang, der keine fünfzig Meter entfernt sein fahles Neonlicht auf Gehweg und Fahrbahn warf. „Da isser!“ rief mein Streifenpartner. Eindeutig, es war der Gesuchte, der gerade den Bahnhof verließ und sich scheinbar gelassen in Richtung Allersberger Straße bewegte. Die Beschreibung passte bis ins Detail!

 

Der Streifenwagen stand noch nicht ganz, als ich schon die Türe aufriss und hinausstürzte. Nach einem kurzen Sprint holte ich den Verdächtigen ein und forderte ihn auf, stehen zu bleiben. Trotz Adrenalin-Überdosis gelang es mir, dabei möglichst gelassen zu klingen: „Bleiben Sie bitte mal stehen?“ Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass es vorteilhaft ist, immer möglichst ruhig zu wirken, um Überreaktionen meines Gegenübers zu vermeiden. Das klappt auch meistens. Der Verdächtige hatte mich jedoch nicht gehört oder wollte nicht auf meine freundliche Bitte hören, denn er ging einfach weiter. Ich musste deutlicher werden: „Polizei, bleiben Sie stehen!“ Ich war nun direkt hinter ihm, er musste mich bemerkt haben, aber er ignorierte mich, vergrub seine Hände noch tiefer in den Taschen seiner Jogginghose, während er unbeeindruckt weiter schlenderte.

 

Das Messer! In dem Rundspruch war von einem Messer die Rede gewesen! Sollte ich die Waffe ziehen? Nein, zuviel Leute hier, zuviel Aufsehen, zu gefährlich. Ich legte aber zumindest die Hand an meine im Holster steckende Pistole, fasste den Kerl mit der Linken an der Schulter und drehte ihn zu mir um.

 

Sein Blick war kühl, sein Grinsen überheblich. Er fühlte sich offensichtlich überlegen, sagte kein Wort. Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten, jetzt erst wurde mir wirklich bewusst, in welcher Gefahr ich mich befand. Er hatte das Messer bestimmt griffbereit in seiner Hosentasche! Ich machte instinktiv einen Schritt rückwärts, drückte ihn dabei weg von mir und brüllte ihn an: „Hände aus den Taschen!“ Er reagierte nicht. „Nehmen sie die Hände aus den Taschen! Sofort!!“ Vor ein paar Tagen hatten wir während der Fortbildung ein Video über Messerangriffe gesehen. Der Film endete mit dem Fazit: Du hast keine Chance, wenn der Angreifer näher als sieben Meter entfernt ist und Deine Pistole noch im Holster steckt. Er ist schneller bei Dir als Du die Waffe ziehen kannst. Also halte entsprechend Abstand!

 

Um Abstand zu gewinnen, war es nun zu spät. Weglaufen, damit er mir das Messer in den Rücken rammt? Im selben Moment, als ich die Waffe ziehen wollte, riss er ruckartig die Hände nach hinten. Ich war sicher, jetzt kommt das Messer, jetzt holte er zum Stich aus! Ich ließ meine Pistole stecken, zu groß ist in mir die Hemmung, diese tödliche Waffe auch einzusetzen. Stattdessen schlug ich reflexartig zu, legte all meine Kraft und mein Körpergewicht in diesen Schlag, sprang dabei sogar noch ein Stück auf ihn zu, wollte ihn am Kinn treffen. Doch der Kerl bäumte sich auf, riss ausweichend den Kopf nach hinten - meine Faust traf ihn dadurch mit aller Wucht am Kehlkopf. Ohne einen Ton von sich zu geben, sackte er vor mir zusammen.

 

Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich wirklich zugeschlagen. Ich, der unermüdlich dafür plädierte, dass Reden, gutes Argumentieren, sich verbal auf die Ebene des anderen Begeben, Beschwichtigen der beste Weg sind, solche Konflikte zu vermeiden, hatte jemanden niedergeschlagen! Natürlich war es Notwehr, ein Messerangriff stand unmittelbar bevor, aber dennoch war ich schockiert über meine eigene Reaktion und für Sekunden wie paralysiert. Tom tauchte neben mir auf und kniete sich neben den Kerl, der anscheinend besinnungslos war. „Ich hab’ vorsichtshalber Verstärkung gerufen. Wusste ja nicht, dass Du so einen Rums hast!“, kommentierte er trocken die Situation. „Pass’ auf, der muss das Messer noch irgendwo haben“ warnte ich ihn, „ich glaub’ nicht, dass der wirklich bewusstlos ist.“ Hastig drehten wir ihn auf den Bauch und fesselten seine Hände auf den Rücken. Er atmete schwer, aber er wehrte sich nicht.

 

Tom begann gerade, den Burschen nach dem Messer abzutasten, als wohl einer seiner Kumpels glaubte, sich einmischen zu müssen. Er trat an uns heran und brüllte herum, dass das „Polizeigewalt“ sei, dass Paul überhaupt nichts getan, er aber alles genau beobachtet habe. Für Erklärungen blieb keine Zeit, aussichtslos, sich jetzt noch Gehör zu verschaffen. Denn binnen weniger Augenblicke waren wir umringt von einer tobenden Menschenmenge, hauptsächlich Bahnhofsmilieu, aber auch einige Reisende mit Koffern in den Händen hatten sich dazu gesellt. Die Leute bedrängten uns immer mehr, das Geschrei wurde immer lauter und aggressiver, die Situation immer bedrohlicher. Das Kräfteverhältnis war denkbar ungünstig, mindestens dreißig gegen zwei! Wo blieb nur die Verstärkung? Schon wurden wir angerempelt, konnten uns nur durch Wegschubsen einiger besonders Aufgebrachter kurz Luft verschaffen, als endlich die ersten Kollegen eintrafen. Wieder einmal war ich froh, dass ich in einer Großstadt arbeitete, hier waren im Notfall immer einige Streifen zur Unterstützung in der Nähe. Als Polizisten einer Landdienststelle, wo eine Streife von einer Reviergrenze zur anderen mindestens eine halbe Stunde benötigt, wären wir heute gnadenlos untergegangen.

 

So schnell, wie sich die Protestgruppe gebildet hatte, zerstreute sie sich angesichts der vielen Kollegen auch wieder. Sanitäter kümmerten sich nun um „Paul“, wie ihn sein inzwischen verschwundener Fürsprecher genannt hatte. Er war wieder bei Bewusstsein, aber offenbar noch ziemlich benommen. „Hast Du das Messer?“ fragte ich Tom. „Kein Messer, kein Geldbeutel, er hatte überhaupt nichts einstecken“ antwortete er und blickte betreten zu Boden.

 

Mir wurde heiß und kalt. Hatte ich tatsächlich den Falschen erwischt, einen völlig Unbeteiligten geschlagen? Aber die Beschreibung stimmte doch perfekt überein, auch das Timing des Fluchtweges von der Mittelhalle zum Südausgang, einfach alles! Übelkeit stieg in mir auf. Schon sah ich die Schlagzeile „Prügelpolizist schlägt unschuldigen Passanten nieder“. Verurteilung wegen Körperverletzung im Amt! Disziplinarverfahren! Strafversetzung! Womöglich gar die Entlassung?!

 

Eine Hand legte sich auf meine Schulter. „Hier, Kollege, das hat er Höhe Gleis 15 weggeworfen. Einer der Zeugen hat es zum Glück beobachtet und die Sachen eingesammelt.“ Der Bahnpolizist hielt mir eine Plastiktüte hin: Inhalt ein Messer und ein brauner Ledergeldbeutel.

 

Wie war’s im Dienst?“ fragte mich meine Frau auch an diesem Abend. Ich begann zu erzählen. Heute beneidete sie mich nicht.

 

 


 

© Elmar Heer