Nur ein Hund

Der laue Frühlingswind an diesem sonnigen Sonntagmorgen im Mai spielt mit seinem glänzenden Fell, die Sonne lässt seine braunen Augen beinahe gelb aufleuchten, die schwarze Nase schimmert feucht. Ich streichle seinen Kopf, der schwer in meinem Schoß liegt, kämpfe erfolglos gegen meine Tränen an, die längst das Kinn erreicht haben. Meine Hand liegt auf seinem Brustkorb, ich warte fühlend, hoffend, aber kein Atemzug lässt ihn sich nochmals heben. Haben sich nicht die Tasthaare an seiner grauen Schnauze gerade noch einmal bewegt, die Pupillen in seinen weit geöffneten Augen auf einen vom Fenster reflektierten Sonnenstrahl reagiert? Nein, ich habe mich geirrt. Gerade ist „Diensthund Nr. 50“, Gundo, mein Hund, mein Partner, mein Freund und Begleiter, in meinen Armen gestorben.

 

Ich fühle mich endlos verloren, sitze ich im kühlen Gras unseres Gartens, „seines“ Gartens. Meine Gedanken durchstreifen unsere gemeinsame Zeit, die damit begann, als mir der Hundezüchter eine Leine in die Hand drückte.

 

An deren anderem Ende zerrte ein ungezogenes Energiebündel, ungestüm hin und her springend, wütend bellend - und mich völlig ignorierend. Denn sein ganzes Interesse galt unserem Ausbildungsleiter Hubert, der, etwa 50 m entfernt, in voller Schutzmontur einem Astronauten ähnelnd, wild gestikulierend den Eindruck erweckte, davonlaufen zu wollen. Auf sein Zeichen hin ließ ich die Leine los, der elf Monate alte Schäferhund preschte los, nach wenigen Sekunden holte er Hubert ein und verbiss sich ansatzlos in dessen linken Arm. Meine Knie wurden weich und ich geriet ins Stolpern, während ich den beiden hinterher eilte. Unbeholfen versuchte ich die Leine, die der Hund hinter sich herzog, wieder aufzunehmen, griff mehrmals ins Leere, ehe es mir nach einem beherzten Sprung schließlich doch gelang. Über das hochrote, verschwitzte Gesicht von Hubert huschte ein zufriedenes Lächeln, nachdem „Gundo vom Almanach“ auf das Kommando des Züchters den dick gepolsterten Arm, wenn auch etwas zögerlich, wieder los gelassen hatte. Der Ausbilder nickte mir kurz zu, während Gundo ihn nicht einen Wimpernschlag lang aus den Augen ließ. Ich wusste, dass diese Nicken „tauglich“ bedeutete. Ankaufsüberprüfung bestanden.

 

Zwei sich streitende Spatzen reißen mich aus meinen Gedanken. Sie sind nur zwei Meter entfernt in der Wiese gelandet, umflattern sich schimpfend, bemerken nicht den Menschen, der mit geröteten Augen vor sich hin starrt und noch immer den Kopf seines toten Hundes streichelt. Für einen kurzen Moment bin ich verwundert, dass Gundo nicht aufspringt, um die Störenfriede zu vertreiben, so, wie er es immer getan hat! So, wie er es nie mehr tun wird.

 

Ich hole tief Luft, durch den Mund, denn meine Nase ist zu. Der Kloß in meinem Hals wird wieder größer, während ich mich an die kleine Hoffnung klammere, dass das alles vielleicht nur ein böser Traum ist, ich gleich aufwachen werde, weil mir Gundo seine feuchte, kühle Nase in freudiger Erwartung eines ausgedehnten Morgenspaziergangs ins Gesicht drückt.

 

Die Bewegung, mit der ich mir über die Augen wische, macht die beiden Vögel auf mich aufmerksam. Erbost schimpfend fliegen sie auf und setzen ihren Revierstreit in Nachbars Garten fort. Ich bin froh, dass ich alleine bin, mich niemand so sieht, mich, den schon leicht ergrauten Polizeihauptmeister, der auf der Erde sitzt und darum kämpft, nicht zu heulen wie ein Kind.

 

Er war doch nur ein Hund, versuche ich mir einzureden. Meine Erinnerungen kehren zurück an unsere gemeinsamen Jahre, Wochen, Momente.

 

Ich bin zwar mit Hunden aufgewachsen, aber mit deren Erziehung hatte ich nie viel zu tun gehabt. Nun hieß es, diesem frechen „Lausbuben“ all das beizubringen, was zwingend nötig war, um die Prüfung zum Polizeidiensthund zu bestehen. Wir lernten es gemeinsam, denn ich hatte davon ebenso wenig Ahnung wie er. Unter Anleitung des Ausbilders erfuhren wir, wie man exakt bei Fuß geht, korrekt „Sitz“ und „Platz“ macht, über Hürden springt, am besten einer Fährte folgt, einen „Verbrecher“ aufstöbert, stellt, verbellt und nötigenfalls auch beißt. Gleichzeitig lernten wir uns mehr und mehr kennen, wir wurden ein Team, Freunde. Nie werde ich die Nervosität, die Angst am Tag der Prüfung vergessen, barg doch ein Nichtbestehen die Gefahr, dass ich meinen Gundo wieder abgeben müsste.

 

Aber wir bestanden die Prüfung, nicht nur diese, auch noch andere wie die zum „Rauschgiftspürhund“ nach einem weiteren zehnwöchigen Lehrgang. Ich war so stolz auf diesen Kerl, der trotz seiner doch in der Tat ernsten Aufgaben immer noch der alberne, verspielte und verschmuste Hund blieb, der begeistert seinem Ball hinterher sprang oder mit den Kindern im Garten umhertollte.

 

Zehn Jahre lang war er mein Streifenpartner gewesen, hatte nicht selten sein Fell riskiert, um mir die Haut zu retten. Die Bilder ziehen wie ein Film an mir vorbei. Die beiden Autoknacker, die sich auf der Flucht unter einem Busch im Laub eingegraben hatten und nun zitternd und völlig resigniert vor mir standen, nachdem sie Gundo aufgestöbert hatte... der Einbrecher, der sich auf der Flucht in einem Streusandkasten versteckt hatte, was uns allen, aber nicht der sensiblen Hundenase verborgen geblieben war.

 

Oder die Gruppe betrunkener Hooligans, die sich zu gern an mir vergriffen hätte. Nach einem verlorenen Auswärtsspiels ihres Bundesligavereins waren sie zunächst nur grölend, bald aber schon randalierend über den Volksfestplatz gezogen, hatten Bierbänke umgeworfen, Gläser zerschlagen, Fans des diesmal erfolgreichen 1. FC Nürnberg verprügelt. Ich war mit Gundo zur Unterstützung der Kollegen in Richtung Festzelt unterwegs, als ich mich plötzlich von einem Dutzend dieser „Fußballfreunde“ umzingelt sah. Sie hatten mich abgepasst, den einzelnen Polizisten, ein gefundenes Fressen für sie, dem sie jetzt ihre Wut auf den Nürnberger Club, auf die Bullen, auf das Leben überhaupt spüren lassen wollten. Doch sie hatten nicht mit der Entschlossenheit meines vierbeinigen Bodyguards gerechnet, der die Situation sofort erfasste und mich nun umkreiste wie ein Satellit. Ich hatte Mühe, die Lederleine schnell genug umzugreifen, damit mich Gundo nicht damit fesselte. Jedem, der den Abstand einer Leinenlänge unterschritt, sprang er wütend entgegen, fletschte seine Zähne, und immer wieder hörte ich trotz des Lärms dieses klackende Geräusch, wenn er ins Leere biss und deshalb seine Zähne auf einander schlugen. Als schließlich einer der Hooligans, der sich zu weit vorwagte und wohl nicht schnell genug zurückwich, seinen Wagemut mit einem klaffenden Loch im Ärmel seiner Lederjacke bezahlte, zogen sich er und seine Freunde zurück.

 

Gundo hätte sein Leben dafür gegeben, mich zu verteidigen.

 

Mein Blick fällt auf die gelbe, zerkaute Frisbyscheibe, die dort unter dem Baum liegt, an seinem Lieblingsplatz im Schatten. Gestern noch hat er sie etwas tapsig im Garten umher getragen, hatte sie selbst hoch geworfen, um sie dann allerdings beängstigend unbeholfen wieder „einzufangen“. Der Tierarzt meinte, Gundo habe eine Magenverstimmung, nichts Ernstes, gab mir ein paar Tabletten für ihn mit.

 

Nichts Ernstes. Trotz meiner Zweifel wollte ich es glauben. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Ich wollte dieses unerträgliche Gefühl nicht zulassen, dass mein bester Freund sich anschickte, mich für immer zu verlassen. Selbst in dieser Situation spürte Gundo meine Bestürzung, versuchte mich aufzuheitern, bellte mich trotz allem schwanzwedelnd an, wie damals.

 

Damals, vor drei Jahren, als Sieglinde, meine Frau, mit wehenden Fahnen zu ihrem neuen Freund gezogen war und mich mit all den Problemen rund ums gerade neu erbaute Haus gnadenlos im Stich gelassen hatte, suchte er besonders spürbar meine Nähe und wich nicht mehr von meiner Seite. Er beobachtete mich und machte sich selbst zum Clown, um meine Weltuntergangsstimmung zu vertreiben. Gundo erkannte meine Gefühlslagen wie kein anderer, und wie kein anderer ging er darauf ein. Fühlte ich mich schwach oder war ich nervös, war er besonders wachsam, war ich euphorisch, war er es auch, war ich traurig, tröstete er mich auf seine Weise. Sei es, indem er mir seinen Tennisball in den Schoß legte, um mich zum Mitspielen aufzufordern, oder indem er bei dem Versuch, seinen Schwanz zu fangen, wilde Pirouetten durch das Wohnzimmer drehte.

 

Gedankenverloren streichle ich sein weiches Fell, das sich dank der aufsteigenden Sonne noch immer warm anfühlt.

 

Im Zwinger hatte Gundo seit Sieglindes Auszug nicht mehr geschlafen, er hatte seinen Platz, eine ausgediente Matratze, fortan im Schlafzimmer. Heute morgen weckte mich sein leises Winseln. Er versuchte aufzustehen, aber es gelang ihm nicht, gab es schließlich auf. Behutsam nahm ich ihn in meine Arme, hob ihn hoch, trug in vorsichtig in den Garten und legte ihn ins Gras. Wieder versuchte er aufzustehen, kurzzeitig gelang es ihm sogar, ging ein paar unsichere Schritte, ehe er wieder zusammenbrach. Mühsam hob er den Kopf, seine panisch weit aufgerissenen Augen suchten meinen Blick. Die Seele zum Bersten gespannt, erschüttert bis in die letzte Faser meines Körpers, setzte ich mich hilflos zu ihm, bettete seine Kopf in meinen Schoß, redete auf ihn ein, streichelte ihn.... bis er nur wenige Minuten später noch einmal tief Luft holte und dann mit einem leisen Stöhnen zum letzen Mal ausatmete.

 

Die beiden Spatzen sind wieder in meinem Garten gelandet. Während der eine das letzte herunter gefallene Winterfutter unter dem Vogelhäuschen aus dem Boden pickt, beäugt mich der andere neugierig. Er und die Glocke der Dorfkirche holen mich langsam wieder aus meinen Gedanken. Ich zähle die Schläge mit. 10 Uhr. Über eine Stunde sitze ich nun schon hier. Zu der bleischweren Trauer gesellt sich plötzlich das Gefühl von Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass mir Gundo die Entscheidung abgenommen hat, den Tierarzt zu rufen, der ihn nur noch hätte einschläfern können.

 

Vorsichtig lege ich Gundos Kopf ins Gras. Ich gehe in den Schuppen und hole den Spaten.

 

 

© Elmar Heer