Für immer

 

 

 

 

Ich traf ihn im Stadtpark. Er saß allein auf einer Bank, nach vorne gebeugt, die Ellenbogen auf seine Knie gestützt. Mit abwesendem Blick starrte er auf den flachen Teich in der Mitte der Wiese, auf dem ein Entenpaar seine Kreise zog.

 

Als ich mich zu ihm setzte, dauerte es ein paar Sekunden, ehe er aufschaute.

Hey“, sagte er und lächelte müde, „was macht ihr denn hier?“ Er streichelte Carina über den Kopf, die verhalten wedelnd am Hosenbein seiner Jeans schnupperte.

Spazieren gehen“, antwortete ich. „Und Du? Alleine heute? Wo ist deine Frau?“

Er lehnte sich zurück. „Mia? Wir sind nicht verheiratet.“

Ja, das weiß ich doch. Aber ich kenne euch nur zusammen, wie siamesische Zwillinge. Oder eben ein Ehepaar im besten Sinne...“

Peter drehte den Kopf zur Seite, als wollte er sein Gesicht verbergen. Ich ahnte, was kommen würde.

Sie hat sich von mir getrennt.“

Ich rang nach Worten, aber mir fiel zunächst nichts anderes ein als „Scheiße...“, legte dabei die Hand auf meinen Mund, als wollte ich nicht, dass man das hörte. Peter nickte nur.

Mia und Peter, Peter und Mia,“ fuhr ich fort „Das ist ein feststehender Begriff! Unbeirrbar, unzertrennlich. Ihr wart für mich das Synonym von 'für immer'. Ich glaub's einfach nicht!“

 

Peter angelte eine blaue Packung Tabak aus der Tasche seiner abgewetzten Lederjacke, die er irgendwie auch schon immer trug. Er drehte sich eine Zigarette, rauchte also wieder. Ich erinnerte mich, dass er sich das Rauchen schon vor Jahren gemeinsam mit Mia abgewöhnt hatte, sprach ihn aber nicht darauf an.

Er klopfte seine Jacke nach einem Feuerzeug ab, fand es und zündete das entstandene zerknautschte Würstchen an. Viel Übung im Drehen von Zigaretten hatte er offensichtlich noch nicht.

 

Ja, das mit Mia und mir, das war auch für immer“, sagte er und blies den inhalierten Rauch durch Nase und Zähne wieder hinaus. „Aber auch 'für immer' kann eine Ablaufzeit haben. Für immer ist relativ.“ Er lächelte jetzt, aber sein Lächeln zeigte einen bitteren Zug um die Mundwinkel.

Für immer ist relativ? Ich wollte antworten, aber er erzählte schon weiter. Also schwieg ich und hörte zu.

 

Hast du dir schon mal überlegt, was das Wort 'immer' eigentlich bedeutet? Wir verwenden es in den unterschiedlichsten Zusammenhängen. Mit einem vorgesetztem 'schon' meinen wir keineswegs, dass es etwas 'schon immer' gibt, also ohne einen bestimmbaren Beginn. So wie ewig. Die Ewigkeit hat bekanntlich keinen Anfang und kein Ende. Wenn wir aber von 'schon immer' reden, meinen wir das eher im Sinne von 'so lange ich denken kann', 'keiner weiß, wie lange schon' … oder zumindest 'schon so lange, dass ich es nicht mehr weiß'.“

Er machte eine kurze Pause und fügte dann dazu: „Mit dem Begriff 'für immer' verhält es sich ähnlich.“

 

Peter brachte mich gehörig durcheinander. Und zum Nachdenken. Er mochte Recht haben mit dem, was er über die Vergangenheitsform von immer philosophierte. Aber ließ sich das auf für immer, also auf die vorausschauende Bedeutung, übertragen? Für mich war diese nach oben offen, zeit- und grenzenlos.

Ich räusperte mich. „Hm,“ begann ich, „aber...“

Peter hob die Hand. Er war noch nicht fertig. Ich beschränkte mich darauf, ihn anzulächeln. Er grinste zurück, nun ohne Bitterkeit. Wir waren alte Freunde. Eigentlich schon immer.

 

Wie gesagt, 'für immer' ist tatsächlich relativ. Gemeint ist damit nämlich in aller Regel bis ans Existenzende der eigenen oder einer anderen Person. Oder einer Sache, eines Umstandes. Länger wäre für die Betreffenden auch irrelevant. Wodurch 'für immer' eben relativiert wird, indem es eine zeitliche Einschränkung erhält.“ Er drückte seine Zigarette am Boden aus und warf die Kippe in den Abfalleimer neben sich.

Grenzen wir also ein“, fuhr er fort und hörte sich nun wie ein Dozent in der Hochschule an. „Die Bedeutung des Wortpaares für immer hat sie vorne und hinten, die Grenzen. Vor allem hinten.“

Jetzt wurde sein Grinsen breiter, aber es wirkte ironisch.

Sagt man zum Beispiel, ein Hund ist dir für immer treu, liegt die Grenze bei etwa zwölf Jahren, der durchschnittlichen Lebenserwartung des besten Freundes des Menschen.“ Er klopfte Carina die Schulter. „Bei einem Goldhamster oder einem Elefanten ist die selbe Zeitspanne des Begriffes demnach höchst unterschiedlich.“

Ich freute mich, dass er seinen Humor nun doch wieder zu finden schien und nützte die Gelegenheit, auch etwas dazu zusagen: „Wobei die des Elefanten der des Menschen doch am nächsten kommt.“

 

Eben nicht“, widersprach er mir sofort. „Bei Menschen ist die Relativitätstoleranz am größten. Wer hat es nicht schon einmal gesagt oder gehört, 'Ich liebe dich für immer:, 'Ich bleibe für immer bei dir'...“. Er überlegte kurz. „Oder ich bin für immer dein?“ Ein Schatten fiel wieder über sein Gesicht. Vielleicht erinnerte er sich, dass ihm Mia genau das gesagt hatte? Oder er ihr, sie sich beide? Peter begann, sich ein weiteres Zigarettenwürstchen zu drehen.

Die Lebenserwartung von Mann und Frau ist wie hoch?“ Seine Mimik verriet, dass er es wusste, und es war klar, dass er die Frage gleich selbst beantworten würde. „Mann 78 Jahre, Frau 83.“

Peter zog die gummierte Seite des Zigarettenpapiers über seine Zungenspitze und klebte es umständlich zusammen.

Ich habe kürzlich das Ergebnis einer Studie gelesen. Demnach endet eine Liebesbeziehung heutzutage durchschnittlich nach zwei Jahren und neun Monaten. Davon ausgehend, dass sich einige Studienteilnehmer in diesem Zusammenhang auch dieses 'Für immer' ins Ohr geflüstert haben, ist anzunehmen, dass die Validität dafür irgendwo zwischen fünf Minuten und fünf Jahren liegt.“

 

Peter stand auf, legte den Kopf in den Nacken und machte den Eindruck, als würde er sich für den Schlusssatz sammeln. „Mia und ich waren immerhin fast fünfzehn Jahre zusammen“, sagte er. „Damit hielt unser 'für immer' doch relativ lange, nicht wahr?“ Er legt mir kurz die Hand auf die Schulter, drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort den geschotterten Weg hinunter. Carina schaute ihm hinterher.

 

Ich blieb sitzen, fühlte mich reichlich desillusioniert. Keinem von Peters Argumenten hatte ich etwas entgegenzusetzen. Ja, er hatte Recht! Für immer ist relativ. Für immer kann schon bald, vielleicht schon morgen, wieder Vergangenheit sein. Ich nahm mir vor, diesem Begriff künftig mit entsprechender Vorsicht zu begegnen, mit ihm sparsam umzugehen. Am besten für immer darauf zu verzichten.

 

 

 

 

 

 

©Elmar Heer