Dr. Körfgen und der Oberländer

 

23. Oktober 2010

Passau (dpa). In einem Wald in der Nähe der niederbayerischen Gemeinde Niederwaidling machten Waldarbeiter einen grausigen Fund. Beim Fällen von Bäumen entdeckten sie in den Baumwipfeln ein Stahlnetz, in welchem eine bereits skelettierte Leiche hing. Der Tote konnte bisher noch nicht identifiziert werden. Die Polizei ermittelt.

 

01. Mai 1999

Schwer atmend lehnte sich Oberländer an die Fichte, die an der Gabelung des Waldweges stand und ihn in zwei Pfade teilte. Den steilsten Anstieg und damit ungefähr die Hälfte der Strecke hatte er hinter sich gebracht. Oberländer kannte die Gegend hier inzwischen genauso gut wie den Inhalt der Handtasche seiner Frau Vera, und dafür gab es einen gemeinsamen Grund:

Körfgen.

Dr. Gernot Körfgen, Landarzt, Bürgermeister der Gemeinde Niederwaidling und Hobbyornithologe in einer Person. Und der Liebhaber von Vera.

Oberländer streifte sich die Träger von den schmerzenden Schultern und ließ den prallen Rucksack hinter sich auf den Boden fallen. Er hatte keine Uhr dabei, er trug nie eine, aber er wusste, dass er gut in der Zeit war. Denn es war noch nicht lange her, seit die Glocke der Dorfkirche zur Morgenandacht gerufen hatte.

Nun saßen sie alle wieder frömmelnd im Gottesdienst da unten, diese Heuchler. Der Girgl zum Beispiel, der Frau und Kinder prügelte. Oder die alte Gunda, die sich über alles und jeden das Maul zerriss. Und wahrscheinlich auch der Sepp, der schamlos hinter jedem Weiberrock im Dorf her war.

 

Vera war bestimmt auch da. Der Körfgen sowieso. Natürlich hatten sie sich wieder weit auseinander gesetzt, damit niemand was merkt. Dabei wussten doch alle, das ganze Dorf, schon lange Bescheid. Nur er, Oberländer, der gehörnte Ehemann, hatte lange Zeit keine Ahnung gehabt. Bis ihn die Gunda eines Tages scheinheilig gefragt hatte, ob Vera denn arg krank sei, so oft, wie sie die schon beim Doktor aus der Praxis hat kommen sehen. Auf diese Frage war er gar nicht vorbereitet gewesen, denn gerade in letzter Zeit sah seine Frau aus wie das blühende Leben, und deshalb wusste er nicht gleich, was er darauf antworten sollte. Da meinte die Gunda, dass Vera und der „Vogel-Doktor“ vielleicht ja nur ein gemeinsames Hobby hätten. Schließlich sei sie doch auch schon immer gut zu Vögeln gewesen. Dabei grinste sie dreckig.

 

Da erst war Oberländer misstrauisch geworden und hatte nachgedacht. Es stimmte schon, seine Vera war in den letzten Monaten öfter einmal später heimgekommen als sonst. Bisher war ihm das nicht aufgefallen. Also hatte er fortan aufgepasst, war seiner Frau einige Male unauffällig zur Bushaltestelle gefolgt, hatte fast jeden Tag ihre Handtasche nach etwas Verdächtigem durchsucht oder mit fadenscheinigen Ausreden bei Veras Freundin Anna angerufen, um herauszufinden, ob sie wirklich dort war. Aber nichts war dabei rausgekommen. Sie war immer brav in den 67er Bus eingestiegen. Die Handtasche war zwar stets voller erstaunlicher Dinge, aber er hatte nichts gefunden, was auf eine Liebschaft mit dem Landarzt oder irgendjemand anderem hingewiesen hätte. Und die Anna hatte immer bestätigt, dass Vera bei ihr sei, auch wenn sie nicht selber ans Telefon kommen könnte, weil sie ihr gerade beim Kochen helfe und die Hände tief im Knödelteig stecken hätte. Aber danach hatte Vera meistens gleich zurück gerufen. Sobald ihre Hände wieder sauber waren.

 

Aber dann fand es Oberländer eines Tages doch heraus. Ein reiner Zufall war das. Oberländer war gerade im Wald gleich hinter dem Dorf unterwegs, als er einen Kuckuck rufen hörte. Einen Kuckuck! Seit Jahren hatte es keinen Kuckuck mehr im Umkreis von werweiß wie vielen Kilometern von Niederwaidling gegeben. Nur drüben im Bayerischen Wald, der jetzt Nationalpark heißt, sollten angeblich noch ein paar leben. Aber hier?

 

Ganz aufgeregt über seine Entdeckung folgte Oberländer dem Ruf. Bis er ihn entdeckte. Nicht den Vogel, sondern den Körfgen, der am Rande einer Lichtung stand und immer wieder in eine seiner Vogelpfeifen blies. Kuckuck! Kuckuck! So ein Schmarrn, dachte sich Oberländer noch, wen wollte denn der damit anlocken, wo der Kuckuck hier doch längst ausgestorben war? Doch im selben Moment erhielt er die Antwort: Vera kam über die Wiese gelaufen, sie flog förmlich auf den Doktor zu und ihm um den Hals.

 

Er schaute nicht bis zum Ende zu, das hätte er nicht ausgehalten. Über einen großen Umweg ging er heim, mit Magenweh und einem Kloß im Hals. Er weinte sogar. Aber nur ganz kurz. Dann stieg diese Wut in ihm auf, diese unbändige Wut. Aber er ließ sich nichts anmerken, sagte nichts. Vera auch nicht.

 

Körfgen darauf anzusprechen, das traute sich Oberländer nicht. Er fühlte sich dem Arzt und Bürgermeister schon immer irgendwie unterlegen. Seiner Wortgewandtheit, in der immer eine ordentliche Portion Arroganz mitschwang, hätte er, Hans Oberländer, der einfache Handwerker, kaum etwas entgegen zu setzen gehabt.

Die Blöße, seine Frau zu bitten, die Finger von Körfgen zu lassen, wollte er sich nicht geben. Also musste der verschwinden. Endgültig.

 

Ächzend nahm Oberländer den Rucksack wieder auf und wählte den linken der beiden Wege. Der Pfad war ihm vertraut, er hätte ihn blind gehen können, so oft war er in den letzten Wochen hier gewesen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit war er Körfgen in den Wald gefolgt, um dessen Gewohnheiten auszukundschaften. So hatte er herausgefunden, dass sich der Vogelkundler immer an derselben Stelle niederließ, um Brotzeit zu machen: direkt unter einer alte Buche. Die stand mitten in einer dicht bewachsenen Mischwaldschonung. Dorthin verirrte sich niemand sonst. Dort sollte es passieren.

 

Ursprünglich hatte er vorgehabt, einfach ein Loch auszuheben, eine Plane darüber zu legen und Körfgen mitsamt seiner Brotzeit darin verschwinden zu lassen. Aber es hätte Tage gedauert, eine solche Grube tief genug in den steinigen Waldboden zu graben. Körfgen hätte das Loch womöglich vorzeitig entdeckt. Also entschied er sich für eine unauffälligere, wenn auch aufwändigere Lösung. Handwerklich war schließlich nicht unbegabt.

 

Es war noch alles da, stellte Oberländer zufrieden fest, als er sein Depot im Unterholz unweit der Buche erreichte: das Werkzeug, die schwarzen Nylonseile, der Wurfhaken, die Umlenkrollen und die Seilwinde. Weit entfernt hörte er jetzt das Glockengeläute, das regelmäßig das letzte Lied der Messe, „Großer Gott wir loben Dich“, untermalte. Unwillkürlich musste er grinsen. Ob der Körfgen seinen Gott immer noch loben wird, wenn er in ungefähr achtundzwanzig Meter Höhe hilflos im Netz zappelt?

Das Netz. Oberländer kniete sich nieder, öffnete den Rucksack und zog sein Meisterwerk heraus. Es war engmaschiger als nötig, geknüpft aus feinen Stahlsseilen, rund, versehen mit rostfreien Schäkeln, durch die ein weiteres Drahtseil führte. Dies würde das Netz zuziehen wie einen Kartoffelsack. Wochenlang hatte er in seiner Werkstatt daran gearbeitet, bis es einen Durchmesser von gut drei Metern gehabt hatte. Selbst wenn es Körfgen gelänge, sich daraus zu befreien, den Boden würde er nur im freien Fall erreichen können. Unmöglich, so was zu überleben. Aber an dem Drahtseilgeflecht würde sich sein Widersacher ohnehin nicht nur sprichwörtlich die Zähne ausbeißen.

 

In Gedanken war Oberländer seinen Plan unzählige Male durchgegangen. Deshalb musste er jetzt nicht lange überlegen, wie er ihn am besten und schnellsten in die Tat umsetzte. Der Haken mit dem daran befestigten Seil krallte sich schon beim ersten Wurf fest in den Wipfel der einige Meter abseits stehenden Birke. Die Winde klickerte leise, als er die Krone zügig kurbelnd in Richtung Boden zog. Obwohl der Stamm zunehmend knisterte, war sich Oberländer sicher, dass der voll im Saft stehende Baum die Spannung aushalten würde. Er war die Antriebsfeder seiner Konstruktion. Vorsichtig schob Oberländer den Sicherungsstift, der durch einen dünnen Draht mit dem Netz verbunden war, in die dafür vorgesehen Öse und fixierte so die Birke in ihrer momentanen Stellung. Sobald Körfgen das Netz betrat, würde sich der Splint lösen und den Baum freigeben.

 

Während Oberländer Eisen tief in die Erde schlug, Umlenkrollen daran befestigte, das Seil hindurch zog und an der Birke verknotete, malte er sich aus, wie sich diese blitzartig aufrichten und das Netz über das dichte Blätterdach hinaus katapultieren würde. Dort bliebe es dann frei hängen, uneinsehbar, selbst wenn man direkt darunter stünde.

 

Der schwierigste Teil seiner Arbeit hatte er schon gestern hinter sich gebracht. Mit einem Bogen hatte er einen Pfeil, an dem eine dünne Schnur angebracht war, über einen der obersten Äste der Rotbuche geschossen. An der herabhängenden Schnur befestigte er nun das eigentliche Zugseil, zog es hoch in den Baum, über den Ast und wieder herunter. Dann machte er es am Netz fest.

 

Es dauerte keine Stunde, bis Oberländer seine Konstruktion fertig gestellt, die Seile und das unter der Buche ausgebreitete Netz dick mit Laub bedeckt und seine Spuren verwischt hatte. Kritisch betrachtete er mit verschränkten Armen sein Werk, ob er nicht doch etwas übersehen hatte. Aber nur sein Rucksack, der, jetzt schwer bepackt mit seinem Werkzeug, noch an dem dicken Stamm des Baumes lehnte, erinnerte daran, dass er hier zugange gewesen war. Entschlossen packte er ihn und schwang ihn sich auf den Rücken.

Das Gewicht brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Mit den Armen rudernd versuchte er noch, das Unvermeidliche zu verhindern. Vergeblich.

 

Rücklings stolperte Oberländer in seine eigene Falle.

 

Mit einem Knall wie ein Peitschenschlag spannte sich das Seil an und riss Oberländer in seinem sich gleichzeitig schließenden Netz in die Höhe. Sekundenbruchteile später durchbrach es das Blätterdach, verharrte für einen Moment in der Schwerelosigkeit, ehe es zwei Meter tiefer von dem Seil wieder aufgefangen wurde und noch eine Weile hin und her schwang.

 

Oberländer fühlte sich benommen, aber er war bis auf ein paar Kratzer unverletzt. Minutenlang wagte er nicht, sich zu bewegen. Er wollte einfach nicht wahrhaben, was gerade passiert war.

Dann schaute er sich vorsichtig um. Das Netz hatte gehalten, kein Loch hatte sich aufgetan. Der Blick auf den Boden wurde ihm, leider wie geplant, durch das dichte Blätterwerk verwehrt. Aber da, nicht einmal so weit weg, entdeckte er einen kräftigen Ast! Den könnte er erreichen, wenn er sein Gefängnis nur ausreichend zum Pendeln brächte.

Aber zunächst müsste er das Netz soweit öffnen, dass er hindurch kriechen könnte. Doch womit? Seinen Rucksack schien er in dem Moment verloren zu haben, als die Falle auslöste. Jedenfalls lag er nicht mit im Netz.

Panik überfiel ihn. Verzweifelt kehrte er seine Hosentaschen nach außen: links ein Papiertaschentuch, rechts ein kurzer Bleistift.

Sonst nichts! Er trug überhaupt nichts bei sich, womit er auch nur im Geringsten etwas gegen das Drahtseilgeflecht hätte ausrichten können.

 

Oberländer begann zu schreien. Er riss sich an dem Netz die Finger blutig, biss schließlich tatsächlich hinein, immer und immer wieder, bis ihm am dritten Tag auch der letzte Schneidezahn abgebrochen war. Und er schrie, schrie, schrie. Stunde um Stunde, tage- und nächtelang. Als ihm dann auch noch die Stimme versagte, gab er, entkräftet von Durst und Hunger, auf und versank in einen Dämmerschlaf. Er bemerkte er es nicht mehr, als es Dr. Körfgen sich eine Woche später wieder einmal unter der Buche bequem machte, um seine Brotzeit einzunehmen.

 

*

23.10.2010

Vera Körfgen legte die Zeitung beiseite und zog die Stirn in Falten. Ein Toter in einem Netz in den Bäumen? Was heutzutage alles passiert, dachte sie, zuckte mit den Schultern und steckte ihre Hände wieder in die Schüssel mit Knödelteig. Gernot, ihr Mann, liebte hausgemachte Klöße.

Es läutete. Hatte er denn keinen Schlüssel dabei? Vera hielt kurz die Hände unters Wasser, griff sich ein Geschirrtuch und ging zur Tür.

 

Frau Körfgen?“ Ein Mann im Trenchcoat hielt ihr seine Dienstmarke vors Gesicht.

Ja?“ Vera machte unwillkürlich einen Schritt zurück, als sich der Beamte unaufgefordert an ihr vorbeidrängte und Richtung Wohnzimmer ging.

Frau Körfgen, Sie haben Ihren früheren Ehemann, Hans Oberländer, 1999 als vermisst gemeldet und ihn vor drei Jahren für tot erklären lassen. Richtig?“

Ja! Oh mein Gott, haben Sie ihn etwa gefunden? Lebt er…“

Frau Körfgen“, fiel ihr der Polizist ins Wort, „sie müssen mitkommen. Ihren Mann haben wir schon verhaftet. Seine DNA fanden wir am Tatort. Aber Sie stehen beide im Verdacht, Ihren damaligen Ehemann mittels einer Falle gemeinschaftlich umgebracht zu haben, weil er Ihrer Zukunft im Wege stand.“

Während er Vera die Handschellen anlegte, fügte er noch hinzu: „Sie haben das Recht auf einen Anwalt.“

 

© Elmar Heer