Der blutige Schlüssel

 

Mich fröstelt. Ich ziehe den Reißverschluss meines Winteranoraks noch weiter hoch, bis zum Kehlkopf. Unwillkürlich muss ich schlucken, was ein bisschen schmerzt, so trocken ist mein Hals. Der scharf abgegrenzte Strahl meiner Stablampe tanzt vor mir durch den dichten Nebel, welcher nicht nur das Licht, sondern auch die Geräusche um mich herum dämpft und nicht näher als fünf Meter vordringen lässt. Nicht weit hinter mir müsste eigentlich mein Kollege Bernd gehen, aber ich höre nur das Knirschen meiner eigenen Schuhe im groben Schotter.

Irgendwie fühle ich mich vorgeschickt von meinem Partner: Bernd, der alte Haudegen mit über 20 Jahren Diensterfahrung, Bernd, der schon alles erlebt haben will, Bernd, den nichts mehr zu erschüttern und dem kein Witz zu schwarz scheint, ist heute auffällig bedächtig aus dem Streifenwagen ausgestiegen, schweigsam. Als wollte er mir einen Vorsprung lassen, suchte er noch umständlich etwas auf dem Rücksitz, während ich schon den steilen Bahndamm hinaufstieg. War es vielleicht gerade seine lange Diensterfahrung, die ihn zögern ließ?

Ich bleibe genau zwischen den Schienen, während ich mich bemühe, meine Schrittlänge dem Abstand der dunklen Eichenschwellen anzupassen. Ich bewege mich betont langsam vorwärts, hoffe insgeheim, dass mein Streifenpartner noch zu mir aufschließen würde, doch von ihm ist nichts zu hören oder zu sehen. Die Bahnstrecke ist gesperrt, seit vor 25 Minuten ein Intercity-Führer bei Tempo 160 einen dumpfen Schlag gehört und dies der Leitstelle gemeldet hatte. Irgendwo hier muss es passiert sein, irgendwo zwischen Streckenabschnitt 13,5 und 15,0.

Der Nebel wird dichter, die kalte Feuchtigkeit kriecht unter meine Uniform, lässt mich schaudern. Für einen Moment bin ich versucht, irgendeine Melodie zu pfeifen, wie es Kinder manchmal tun, wenn ihnen unheimlich ist. Das von Raureif steif gefrorene Gras links und rechts der Gleise glitzert im weißen Licht, während ich die Lampe systematisch hin- und herschwenke, um mir kein Detail meiner Umgebung entgehen zu lassen. Trotzdem trete ich plötzlich auf etwas Weiches.

 

Ich gerate ins Straucheln, da ich den Fuß keinesfalls voll belasten will und unbeholfen einen Ausfallschritt versuche. Zutiefst erschrocken, aber auch angeekelt lenke, ich mit angehaltenem Atem den Lichtstrahl auf die Stelle, die mich derartig aus dem Tritt gebracht hat. Laut atme ich wieder aus, denn ich erkenne erleichtert, dass sich dort nur eine dicke Schicht Moos auf dem Holz breit gemacht hat, nichts Blutiges, Schreckliches. Nur Moos.

Vielleicht hat sich der Zugführer ja geirrt, hat der Triebwagen nur einen durch den Sog hoch gewirbelten Schotterstein überfahren. Oder war es ein aufgescheuchter Vogel, der an der Windschutzscheibe des Intercity sein unschönes Ende gefunden hatte? Schlimm genug wäre für mich schon, auf ein zerrissenes Reh oder Wildschwein zu treffen. Der Aufprall auf einen mit 160 Stundenkilometern durch die Nacht rasenden, tonnenschweren Stahlkoloss lässt selbst von einem großen Tier nicht viel mehr übrig als eine Unzahl von Fetzen in der Größe einer Portion Wildbret, wie man es sich sonntags in der Gaststätte servieren lässt. Ein dumpfer Schlag kann viele Ursachen haben, versuche ich mich zu beruhigen. Muss ja nicht unbedingt ein Mensch gewesen sein.

 

Weit entfernt höre ich Bernd husten. Bin doch nicht so alleine, wie ich mich gerade noch gefühlt habe. Vorsichtig setze ich meinen Weg fort, einen Fuß vor den anderen, um ja nicht wieder auf etwas zu treten, das mir einen solch gehörigen Schrecken einjagen kann wie eben dieser Ballen Moos. Etwas Helles reflektiert plötzlich das grelle Licht meiner MagLite durch den Nebel, etwa acht Meter vor mir, rechts der Gleise. Weiß mit Rot! schießt es mir durch den Kopf, während ich meinen Schritt beschleunige.

Eine Plastiktüte. Nur eine weiße Plastiktüte mir roter Aufschrift: „Metzgerei Müllner – täglich frische Wurst- und Fleischwaren“. Mein Puls, der sich gerade erst wieder etwas beruhigt hatte, rast wieder. 180 Schläge pro Minute, schätze ich. „Mach Dich doch nicht verrückt“, beginne ich flüsternd mit mir selbst zu reden, „keiner tut Dir was.“ Nicht der Moosballen, und die Tüte schon gleich gar nicht. „Metzgerei Müllner – täglich frische Wurst- und Fleischwaren“ lese ich nochmals laut mit sarkastischem Unterton den Werbetext auf der Einkaufstasche. „Auch das noch…“

Mir kommt es vor, als wäre eine Ewigkeit vergangen, seit ich die kleine Blechtafel mit der Aufschrift 13,5 passiert habe. Kann einem eine Strecke von 1500 Metern so lang vorkommen? Aber das erlösende Schild mit der 15,0, welches das Ende der Suche bedeuten würde, ist nicht in Sichtweite.

Fünfuhrzwanzig. Ein Blick auf meine Uhr bestätigt, dass sich mein Zeitgefühl gehörig verschoben hat. Ich bin erst seit gut zehn Minuten unterwegs. Noch ist es dunkel, aber die Schwärze dieser mondlosen Nacht weicht ganz allmählich einem fahlen Grau, was den Nebel aber nicht transparenter werden lässt. Mittlerweile gehe ich schneller, will das Ganze endlich hinter mir haben.

Außerdem ist um sechs Dienstschluss!

Weiter vorne dampft etwas zwischen den Gleisen, wahrscheinlich ein Kanaldeckel.

 

Gibt es Kanaldeckel auf Bahndämmen? Als ich dieses dampfende Etwas erreiche, krampft sich mein Herz zusammen, Übelkeit macht sich breit. Ich muss den spontanen Brechreiz niederkämpfen: Vor meinen Füßen liegt ein blutiger Klumpen, an dessen Oberfläche deutlich menschliche Haut zu erkennen ist.

Bernd! Bernd, ich hab was gefunden!“ Mit überschlagender Stimme schreie ich meine Erkenntnis hinaus in die Dunkelheit. „Ich hab ihn gefunden!“ - Oder sie. Jedenfalls ein Stück von ihr. Oder ihm.

Schockiert, aber auch angewidert wende ich mich ab von diesem Überbleibsel menschlichen Lebens. Erst vor kurzem habe ich wieder einmal über die These gelesen, dass sich die Seele eines Verstorbenen noch einige Zeit nach Eintritt des Todes in der Nähe seines Körpers befinde, über ihm schwebe und das Szenario betrachte. Nun kann ich das Entstehen dieser Theorie nachvollziehen, denn dieses Gefühl, beobachtet zu werden, ergreift mich und lässt meine Nackenhaare sich aufstellen.

Reflexartig drehe ich mich um – und blicke in die eisgrauen Augen eines älteren Mannes, die mich, weit aufgerissen, anstarren.

Nur zwei Schritte entfernt, zwischen einem hoch gewachsenen Grasbüschel und einer Silberdistel liegt der Kopf eines Menschen. Nein, er liegt nicht einfach so da, er wirkt wie abgelegt, hindrapiert, als hätte jemand Wert darauf gelegt, dass man die klaffende Wunde, wo einmal der Hals gewesen ist, nicht sehen kann. Der Mund ist leicht geöffnet, die Unterlippe etwas vorgeschoben, so dass man die untere, gelb verfärbte Zahnreihe zum Teil erkennen kann. Etwas Blut im linken Mundwinkel, ein paar Spritzer quer über die von Falten durchzogene Stirn, aber keine weiteren offenen, entstellenden Verletzungen. Fast scheint es, als habe der Verzweifelte im Tode sein Gesicht gewahrt.

Wie gebannt stehe ich da, erstarrt, nicht in der Lage, mich seinem überraschten, vielleicht sogar vorwurfsvollen Blick zu entziehen.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich die stolpernden Schritte meines Streifenpartners näher kommen höre.

Da!“ Mehr bringe ich nicht über die Lippen, als Bernd schwer atmend eintrifft. Ich deute mit zitternder Hand auf meinen Fund.

Ja.“ Seine Antwort kommt krächzend, er räuspert sich, um den Frosch in seinem Hals loszuwerden und fügt hinzu „Das ist sicher nicht alles, hier muss noch mehr sein.“

Wie synchronisiert schwenken die Lichtkegel unserer Lampen in die Horizontale, in Fahrtrichtung des Zuges. Der Nebel hat sich etwas gelichtet und gibt eine Szene frei, die in den Zeitungen häufig mit den Worten „Den Helfern bot sich ein Bild des Grauens“ beschrieben wird.

Helfer? Davon kann hier keine Rede mehr sein. Sich trichterförmig ausbreitend, erkenne ich auf eine Strecke von etwa 50 Metern unzählige Stellen, wo mehr oder weniger Dampf aufsteigt. Für einen Moment glaube ich mich auf einem erkalteten Lavafeld in Island, in dem heiße Quellen ihren Schwefeldunst verbreiten. Aber ich bin nicht auf Island, und es riecht nicht nach Schwefel. Ich stehe auf einem Bahndamm und - es riecht süßlich.

 

Mir wird schwindelig.

An der Aufprallstelle ist der Boden auf einige Quadratmeter mit einem rot glänzenden Film überzogen. Der Film entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Millionen von feinen Blutspritzern, dicht an dicht, hin gesprüht wie aus einer überdimensionalen Spraydose. Nur die Laufflächen der Schienen sind sauber und schimmern metallisch. Die Räder der nachfolgenden Waggons haben sie gereinigt, blank geputzt.

Bernd leuchtet mir für ein paar Sekunden ins Gesicht und erkennt wohl, in welchem Zustand ich mich befinde: handlungsunfähig. Er zieht das Funkgerät aus der Brusttasche meines Anoraks. Er gibt mit unsicherer, aber möglichst lässiger Stimme den Auffindeort an die Inspektion weiter und kündigt an, dass wir nun mit der Ortung der Leichenteile und eventueller Beweismittel beginnen werden.

Na dann viel Spaß“ antwortet der Führungsbeamte eben so gelassen und teilt noch mit, dass der Kriminaldauerdienst verständigt werde. Ich gäbe jetzt alles dafür, diesen grauenvollen Ort gegen das warme Stübchen des Funksprechers in der Dienststelle zu tauschen.

 

Langsam löst sich meine Starre, und allmählich beginne ich wieder zu funktionieren.

Gemeinsam, Bernd links des Schienenstrangs, ich rechts, schreiten wir den Tatort vorsichtig ab, immer darauf bedacht, nicht auf etwas zu treten, was zusammen genommen vor einer Stunde noch ein lebensfähiger Mensch gewesen ist. Je weiter wir gehen, desto weiter verstreut sind die Hautfetzen, Fleischstücke, Organe, dort eine halbe Hand, hier ein Daumen, ein Fuß mit Schuh, blutdurchtränkte Kleidungsstücke. Nach etwa hundert Metern liegt zwischen den Gleisen ein großer Teil des nackten Torsos, grotesk in sich verdreht.

Schlimmer kann kein Alptraum sein.

 

Es ist hell geworden, vom Nebel nur noch ein dünner Schleier übrig geblieben. Der erste Sonnenstrahl lässt etwas vor mir aufblitzen. Langsam gehe ich in die Hocke und angle mit meinem Kugelschreiber einen blutigen Schlüssel, an dem ein verbogener Metallbuchstabe, ein großes R, baumelt, aus den Fetzen der Hose hervor. Ob er die Wohnungstüre noch abgeschlossen hat, bevor er sich auf den Weg zum Bahndamm gemacht hat?

 

Ich bin traurig, trauere um einen Menschen, den ich nicht gekannt, nie getroffen habe. Andererseits bin ich aber auch sauer auf ihn. Wie konnte er mir das nur zumuten? Hat er nicht daran gedacht, was er mir damit antut?

Ich lasse den Schlüssel in eine dieser transparenten Tütchen fallen und stecke ihn ein.

Mittlerweile sind die Kollegen der Kripo eingetroffen, sie haben kleine, nummerierte Schilder aufgestellt, Spuren gesichert, Fotos gemacht, das Begräbnisunternehmen verständigt. Alles muss möglichst schnell gehen, damit die Bahnstrecke wieder frei gegeben werden kann. Die Bestatter haben einen mit Plastikfolie ausgelegten Zinksarg mitgebracht.

 

Bernd und ich versuchen, ihnen detailliert zu erklären, wo wir überall Leichenteile festgestellt haben, doch einer der beiden winkt ab. „Keine Sorge, Männer, das kriegen wir schon“. Der andere hat bereits damit begonnen, die Überreste des Selbstmörders in den Sarg zu werfen, achtlos, als würde er Müll entsorgen. Als er den Kopf, dessen Augen noch immer ins Leere starren, an den grauen Haaren packt, um ihn anschließend in den Blechschrein fallen zu lassen, kann ich nicht mehr an mich halten.

Muss denn das sein?!“ schreie ich ihn an, „geht das nicht anders?“ Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Vielleicht Betroffenheit, eine Entschuldigung, Einsicht. Aber ich ernte nur ein müdes Lächeln dieses Totengräbers, ehe er seine Arbeit fortsetzt.

Mit Tränen der Wut in den Augen gehe ich Richtung Dienstwagen.

Natürlich ist das seine Arbeit, es ist sein täglicher Job, mit Leichen umzugehen. Aber muss man dabei jeglichen Respekt, alle Pietät verlieren? Vielleicht muss man das, um mit dem allgegenwärtigen Tod umgehen zu können, nicht daran zu zerbrechen. Erschöpft lasse ich mich auf den Beifahrersitz fallen.

Mehr als zwei Jahre fahre ich nun Streife in Nürnbergs Straßen, habe viel Unangenehmes erlebt und gesehen, aber jetzt hege ich erstmals Zweifel, ob ich mir tatsächlich den richtigen Beruf ausgesucht habe. Kann man dabei Mensch bleiben? Ich nehme mir vor, alles dafür zu tun.

 

*

 

Zu Beginn des darauffolgenden Spätdienstes rief ich bei der Kripo an, um mich nach den Hintergründen des Suizids zu erkundigen. Das Erlebte hatte mich auch in den beiden freien Tagen zwischen den Schichten nicht zur Ruhe kommen lassen.

Der Mann war noch am Vormittag identifiziert worden. Die Enkelin hatte sich Sorgen um Ihren Großvater gemacht und ihn als vermisst gemeldet. Als man ihr den blutigen Schlüssel vorlegte, hatte sie ihn sofort als den seinen wiedererkannt.

Johann Albert Weiß sei sein Name, 74 Jahre alt, seit zwei Monaten verwitwet, berichtete seine Enkelin. Über 49 Jahre seien sie verheiratet gewesen, Oma Ruth und er. Durch ihren Tod sei eine Welt für ihn zusammen gebrochen.

 

Seither habe er sich zurückgezogen, und sie selbst habe ja nicht die Zeit gehabt, sich ständig um ihn zu kümmern. Aber sie hätten gelegentlich telefoniert, und ab und zu habe sie auch bei ihm vorbei geschaut. Andeutungen über seine Absichten habe er beim letzten Gespräch nicht gemacht.

Eine Nachschau in der Wohnung habe keine Erkenntnisse über die Gründe des Selbstmordes gebracht, erzählte mir der Kollege noch, kein Testament, kein Abschiedsbrief.

Ob die Wohnungstüre abgeschlossen war, wollte ich von ihm wissen. „Keine Ahnung. Warum? Ist das wichtig?“ Nein, natürlich nicht.

Die Ermittlungen jedenfalls haben ergeben, dass kein Fremdverschulden vorliegt.

Wie traurig muss dieser Mann gewesen sein? Nach zwei Monaten Einsamkeit war er vielleicht zu dem Schluss gekommen, dass mit dem Tod seiner Frau auch sein Leben zu Ende gegangen war. Er hatte sein Leben gelebt, zusammen mit Ruth. Der Rest dauerte ihm einfach zu lange.



©Elmar Heer