10 Euro

 

 

Peter war einer der lässigen Kollegen. Einer, der auch mal ein Auge zudrücken konnte, nicht immer gleich den Verwarnungsblock zückte oder die Paragrafenkeule schwang, wenn sich jemand nicht ganz an die Vorschriften hielt. Fehler sind menschlich, war seine Devise. Die zuhause vergessenen Fahrzeugpapiere, das übersehene Stoppschild, wem war so etwas nicht auch schon mal passiert? Er beließ es deshalb zumeist bei ein paar freundlich ermahnenden Worten. Er freute sich mehr über die erstaunten oder sogar dankbaren Reaktionen der betroffenen Verkehrsteilnehmer als über einen weiteren Strich in seiner Tätigkeitsstatistik.

 

Ich sah das genau so. Deshalb fuhr ich mit Peter besonders gern und häufig Streife. Wie auch an diesem Abend. Nürnbergs Südstadt war unser Revier. Die Nachtschicht war gerade erst zwei Stunden alt und versprach, so ruhig zu bleiben, wie sie begonnen hatte: kein einziger Einsatz bisher, keine Schlägerei, kein Verkehrsunfall, nicht einmal ein Familienstreit. Typisch für einen Montag, an dem es auch noch leicht regnete. Die sechsspurige Frankenstraße, auf der ich den Streifenwagen in gemächlichem Tempo Richtung Münchener Straße lenkte, war fast leer.

 

Mein Partner tippte mich auf den Arm:

 

„Ich glaube, da will jemand was von uns.“

 

Ich folgte seinem Blick. In der hell erleuchteten Shell-Tankstelle stand abseits der Zapfsäulen ein Taxi mit eingeschalteter Warnblinkanlage. Ich ging davon aus, dass es sein Fahrer war, der uns aufgeregt winkte.

„Sieht so aus“, antwortete ich, hielt an und setzte ein paar Meter zurück, um die Einfahrt nehmen zu können.

 

Peter öffnete die Beifahrertür. „Ist Ihnen Ihr Fahrgast abgehauen?“, fragte er noch sitzend den Chauffeur, weil so etwas am häufigsten vorkommt.

„Im Gegenteil!“, antwortete der Mittfünfziger, fuhr sich genervt mit der Rechten durch seine grauen Haare und zeigte auf die Rückbank seines Mercedes. „Die wollen nicht aussteigen!“

 

Ein Pärchen, das ohne Weiteres auch als Vater und Tochter hätte durchgehen können, saß dort in einander verschlungen und tat so, als ginge sie das alles nichts an.

Wir ließen unseren Streifenwagen stehen und gingen mit dem Taxifahrer hinüber zu seinem Auto.

 

„Haben die bezahlt?“, fragte ich ihn unterwegs.

 

„Ja, die erste Fahrt schon, nicht weit von hier. Aber dann wollte er, dass ich noch an die Tanke fahre. Als ich die zehn Euro dafür kassieren wollte, ist der Typ ausfällig geworden.“

Der Mann hob hilflos die Arme.

Wegen der paar Euro wollte ich keinen großen Stress und hab' die beiden aufgefordert, mein Taxi zu verlassen. Die weigern sich aber...“

 

Inzwischen standen wir neben dem elfenbeinfarbenen Kombi. Ich öffnete die rechte Fondtür, eine Alkoholwolke schlug mir entgegen.

 

Guten Abend!“, begrüßte ich das Paar bemüht freundlich. „Wie Sie sehen, ist die Polizei da. Steigen Sie bitte aus?“

 

Der Mann wandte sich zögerlich von seiner Begleiterin ab und uns zu. Ich schätzte ihn auf Ende vierzig. Sein schütteres Haar war unübersehbar schwarz gefärbt, ein gescheiterter Versuch, ihn jünger aussehen zu lassen.

 

Na sowas, die Bullen,“ tat er verblüfft, „was wollt Ihr denn?“

 

Ich ignorierte die Beleidigung: „Bitte steigen Sie aus, der Taxifahrer muss weiter.“

 

Ich hab's mir mit Anja gerade gemütlich gemacht...“

 

Tanja!“, tönte es neben ihm, „Ich heiße Tanja!“

 

Die bestenfalls zwanzigjährige Blondine verdreht die Augen und versuchte, die Tür auf ihrer Seite zu öffnen. Er packte sie am Arm und hinderte sie daran.

 

Ich setzte weiterhin auf Deeskalation.

 

Seien Sie vernünftig. Lassen Sie die Frau los und steigen Sie aus. Sie zahlen die Fahrt und die Angelegenheit ist erledigt.“ An die Vernunft eines Betrunkenen zu appellieren, erwies sich wieder einmal als müßig.

 

Ihr könnt mich mal!“, brüllte er und versuchte, die Tür zuzuschlagen, in der ich stand. Sie knallte mir schmerzhaft in den Rücken.

 

Peter, der seitlich hinter mir stand, und ich reagierten gleichzeitig. Vier Hände packten den Mann an Arm und Lederjacke und zogen ihn aus dem Taxi. Wäre er nicht so überrascht gewesen, hätte er sich vermutlich gewehrt, aber dafür ließen wir ihm keine Chance. Drei Sekunden später lag er bäuchlings auf dem Boden, ich legte ihm Handschellen an.

 

In seiner Gesäßtasche entdeckte ich seine Geldbörse. Während Peter den Mann weiterhin am Boden fixierte, nahm ich sie heraus und suchte darin nach einem Ausweis oder ähnlichem. Fehlanzeige. Überhaupt enthielt sie außer ein paar Kassenbons nichts. Womit hätte der Kerl das Taxi bezahlen wollen? Neben der Körperverletzung gegen mich, ich spürte noch die Türkante unterhalb meines linken Schulterblattes, lag nun auch der Verdacht des Betruges zumindest nahe.

 

Peter und ich stellten den Mann gemeinsam auf die Beine.

 

Sie sind vorläufig festgenommen,“ erklärte ich ihm, „zur Personalienfeststellung kommen Sie jetzt erst mal mit zur Wache.“

 

Als Antwort erhielt ich ein Grunzen.

 

Wie heißen Sie?“

 

Meier“ brummte er.

 

Ah ja, alles klar, Herr Meier“, antwortete ich.

 

Dieser Name kommt den meisten zuerst in den Sinn, wenn sie ihren richtigen nicht nennen wollen. Gefolgt von Müller und Schmidt. Wir hakten Herrn Meier-Müller-Schmidt links und rechts unter und führten ihn zum Streifenwagen. Sein Gang war schleppend. Offenbar war er noch betrunkener, als ich ihn eingeschätzt hatte. Aber er verhielt sich nun völlig passiv und fügte sich anscheinend seinem Schicksal. Ohne zu murren nahm er auf der Rückbank Platz.

 

Ich schloss die Tür und wartete neben unserem Auto auf Peter, der nochmal zum Taxifahrer ging, um ihm das weitere Prozedere zu erklären und sich dessen Personalien aufzuschreiben. Auch die der Zeugin benötigten wir noch. Doch wo war die überhaupt verblieben? Ich entdeckte sie etwa zwanzig Meter entfernt. Sie war gerade dabei, das Tankstellengelände zu verlassen und sich aus dem Staub zu machen.

 

Moment!“, rief ich, „Warten Sie bitte!“

 

Sie ging noch zwei Schritte und blieb dann stehen. Ich vergewisserte mich, dass der Festgenommene weiterhin friedlich war. Er wirkte, als wäre er eingeschlafen. Gefesselt konnte er sich ohnehin nicht aus dem Auto befreien oder großen Schaden anrichten. Namen und Adresse der Blondine aufzuschreiben würde nicht lange dauern.

 

Als ich sie erreichte, hielt sie bereits einen 10-Euro-Schein in der Hand. „Das ist für den Taxifahrer, würden Sie...?“

 

Knallende Geräusche unterbrachen sie. Ich drehte mich um. Der Gefesselte lag nun auf der Rückbank des Streifenwagens. Er versuchte, mit beiden Füßen die Seitenscheibe hinaus zu treten. Der Fensterrahmen der Fondtür schnappte bei jedem Tritt mehrere Zentimeter auf.

 

Ich sprintete zurück und riss die Tür auf, achtete dabei darauf, nicht selbst getreten zu werden.

Aufhören!“, brüllte ich, schockiert über diesen plötzlichen Gewaltausbruch. Der war im selben Moment aber auch schon wieder vorüber.

Is' ja gut“, sagte der eben noch Randalierende, „ich wollte ja nur hier raus...“ Er versuchte sich aufzurichten.

Sind Sie jetzt vernünftig?“ fragte ich, dem Frieden noch nicht ganz trauend.

 

Der Mann nickte betreten und bemühte sich wieder, sich zurück in die Sitzposition zu bringen. Es gelang ihm mit den am Rücken fixierten Händen nicht. Ich beugte mich in den Streifenwagen, um ihm zu helfen.

 

In diesem Augenblick explodierte etwas an meiner Brust. Ich wurde zurück geworfen und landete neben dem Streifenwagen rücklings auf dem Asphalt. Für einige Sekunden hatte ich das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren. Mein Herz raste, es war mir unmöglich, Luft zu holen. Nur allmählich erfasste ich, dass mich der Mann getreten hatte. Die harten Absätze seiner Cowboystiefel hatten mit großer Wucht mein Brustbein getroffen.

 

Irgendwie gelang es mir, mich auf die Seite zu drehen, um besser atmen zu können. Der Schmerz strahlte in meinen gesamten Oberkörper aus, ich konnte nicht zuordnen, ob er von der Brust, der Lunge oder dem Herzen ausging.

Zwischen die Räder des Streifenwagens hindurch konnte ich Peter beobachten. Er hatte den Schläger aus dem Auto gezogen und hielt ihn im Schwitzkasten. Reifen quietschten hinter mir. Dann sah ich einen Kollegen, der Peter zu Hilfe kam. Ein weiterer beugte sich über mich.

 

Alles okay?“, fragte er.

 

Ich brachte keinen Ton über die Lippen, schüttelte den Kopf. Er nahm sein Funkgerät in die Hand und verständigte die Einsatzzentrale:

 

Wir brauchen einen Notarzt. Dringend!“

 

Zwei Stunden später fand ich mich in der Intensivstation des Nordklinikums wieder. Ein Arzt trat an mein Bett. Er lächelte freundlich.

 

Scheint, Sie haben Glück gehabt.“

 

Ich fühlte mich alles andere als jemand, der Glück hatte. Ich konnte noch immer nur flach atmen, wenn ich nicht die Hölle in meiner Brust entfachen wollte.

 

Ihr Sternum ist glatt durchgebrochen. Ähm... also Ihr Brustbein meine ich. Die Lunge aber ist unverletzt. Was mir noch etwas Sorgen macht, ist der Verdacht einer Herzquetschung. Ihre Pumpe läuft momentan nicht ganz rund. Deshalb bleiben Sie zumindest noch heute Nacht bei uns.“

 

Das nennen Sie Glück?“, fragte ich und wunderte mich über meine raue Stimme.

 

Durchaus,“ antwortete der Mediziner, „wären Sie mit dem Rücken an einer Wand, einer Zapfsäule oder einem anderen Hindernis gestanden, wären Sie jetzt tot.“ Er tätschelte meine Hand. „Wir sehen uns morgen!“ Dann ließ er mich mit den piependen Geräten um mich herum allein.

 

Zwei Tage später entließ man mich aus dem Krankenhaus. Mein Herz hatte seinen Rhythmus wieder gefunden. Das Brustbein würde Zeit brauchen, um wieder zusammen zu wachsen, sagte man mir zum Abschied. Vorläufig dürfe ich nicht schwer heben, nicht mehr als ein bis zwei Kilo.

 

Es dauerte vier Monate, bis ich wieder dienstfähig war. In den ersten Wochen waren die Nächte nahezu schlaflos, der Schmerz jeder nur kleinen Bewegung ließ mich aufschrecken. Ich konnte nicht Auto fahren, keinem Hobby nachgehen. Was mir blieb, war, mich möglichst ruhig zu verhalten und abzuwarten, bis der Bruch einigermaßen stabil verheilt war.

 

Der Strafprozess ein halbes Jahr später dauerte nur eine Stunde. Der Täter war geständig und zeigte Reue. Er erhielt eine Bewährungsstrafe von acht Monaten - ohne weitere Auflagen.

 

(c) Elmar Heer